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Kommentar:Haarsträubende Luftnummer

Sonderregeln für Kultur verzögern unnötig Open-Air-Konzerte

Von Michael Zirnstein

Wenn es noch eines Nachweises bedurfte, dass der Staatsregierung alles andere wichtiger ist als die Kulturschaffenden und ihr Publikum, dann liefert ihn die Infektionsschutz-Novelle. Dass er Handel, Schule und Sport priorisiert, hatte Ministerpräsident Markus Söder bereits angekündigt, als er von einer "intelligenten Öffnungsmatrix mit flexiblen Reaktionsmöglichkeiten" fabulierte. Statt solch Politiker-Poeme zu erdichten, hätte er im Kabinett besser einen klugen Neustart für die Live-Kultur erarbeiten können. Denn die kommt bei den seit Montag gültigen Lockerungen zu kurz. Schon wieder.

"Wieso?", darf man einwenden, Theater, Konzertsäle und Kinos dürfen doch jetzt öffnen? Und wurde nicht Kunstminister Bernd Siblers Versprechen erfüllt, die 200-Zuseher-Obergrenze abzuschaffen? So darf die Staatsoper ein Drittel ihrer 2100 Sitze füllen. Ein Zyniker, wer dahinter Eigennutz vermutet, die hauseigenen Hallen des Freistaats wieder schnell und massig zu bespielen - denn die Veranstalter von Konzerten in Bayerns Schlössern lässt man derzeit noch auf irgendeine "Sondergenehmigung" warten.

Es ist kompliziert. So kompliziert, dass in der neuen Verordnung nichts zur Freiluft-Kultur stand. Au weia, da müsse man nachjustieren, hieß es nach Einsprüchen der Branche und erlaubte Open-Airs von 21. Mai an. Man darf also draußen - von Natur aus gut belüftet - erst später Musik hören als drinnen? Im Klub Import/Export, der nach 25 Wochen Spielverbot endlich im Innenhof loslegen wollte, behilft man sich ob solch virologischen Widersinns mit Zynismus: "Zehn Tage schön Reintrinken, dann wieder Konzerte." Biergartengewusel mit Hunderten Gästen ist ja erlaubt, sogar mit Hintergrundmusik.

Der gleiche Ministerienmurks wie voriges Jahr. Als kennte keiner die guten Kultursommer-Erfahrungen. Als hörte niemand auf die um klare Ansagen bettelnden Veranstalter, die schon vor Wochen auf die Freiluft-Lücke in den Planungen hinwiesen. Damals antwortete der Kunstminister, er habe "eine Diskussion über den Umgang mit Open-Air-Veranstaltungen in der Staatsregierung angestoßen". Aber dort ist die Kultur wohl nichts als heiße Luft.

© SZ vom 12.05.2021
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