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Kommentar:Balance der Bedürfnisse

Starke Eingriffe wie die Parkverbote auf Gehwegen bedürfen kluger Moderation - sonst spalten sie die Gesellschaft

Von Nicole Graner

Das Viertel rund um die Gebelestraße ist das, was man wohl ein gewachsenes Viertel nennen kann. Viele Menschen, jung wie alt, leben schon seit langem dort, manche sind sogar dort aufgewachsen. Der Eiermann kommt, Nachbarn helfen Nachbarn, kaufen zum Beispiel für ältere Menschen ein, von denen es viele im Viertel gibt. Und nun gibt es Ärger in der Idylle, spaltet die Anwohner: Weil die Stadt mit ihrer grün-roten Regierung dem illegalen Gehwegparken Einhalt gebieten will und von einem Tag auf den anderen neue Halteverbotsschilder aufgestellt hat, ärgern sich die meistern Anwohner darüber, dass sie in Dauerschleifen ihre Runden drehen und kaum mehr einen Parkplatz finden. Andere begrüßen es, dass wieder ein Durchkommen ist auf engen Gehwegen. Für Kinderwagen und Rollstuhl.

Es ist richtig, die schwächsten Verkehrsteilnehmer, also Fußgänger, auf sicheren Gehwegen zu schützen. Aber es ist falsch, das mit radikalen Verordnungen zu tun - und alles über einen Kamm zu scheren. Denn nicht jede Straße ist gleich. Die eine hat mehr Feuerwehranfahrtszonen und Garagenausfahrten, die andere enge Gehwege. Die eine hat ein Konsulat um die Ecke, das Besucherparkplätze frisst, die andere ist eine Sackgasse oder liegt an einer Schule. Ja, die Gehwege müssen geräumt werden können und Notarzteinsätze müssen gewährleistet sein. Aber alte Menschen können ihre Einkäufe nicht um den Block schleppen und Lieferdienste, Handwerker, Pflegedienste brauchen auch Halte-Chancen.

Alle Einwände habe ihre Berechtigung. Umso wichtiger ist es, wieder eine Balance im Viertel herzustellen. Und zwar schnell. Dabei helfen vor allem Gespräche, wie die vom Bezirksausschuss initiierte Bürgersprechstunde. Sie kommt spät, aber immerhin. Denn der Bezirksausschuss hätte, bevor er die Entscheidung der Stadt befürwortet hat, durchaus die Situation an Ort und Stelle in Bogenhausen abfragen können. Mit einem Fragebogen für die Anwohner etwa. Wie in Sendling-Westpark. Jetzt heißt es, damit es keinen weiteren Unfrieden im Viertel gibt, der so drastische Blüten treiben könnte wie in Freimann, nach Kompromissen, offen und ehrlich nach Lösungen zu suchen.

Im Moment ist keinem geholfen: Der Stadt nicht, die es aus grün-ökologischer Sicht nicht gutheißen kann, dass Autos im Parkplatz-Suchmodus noch mehr Meile machen oder Pkw noch schneller durch die Straßen rauschen. Den Anwohnern nicht, die trotz unterschiedlicher Ansichten online sehr friedlich miteinander diskutiert haben, in ihrem Viertel wieder leben wollen und den alten Menschen, die keine Kraft haben, Einkaufstüten zu wuchten. Und nicht den Kindern, deren Sicherheit gefährdet ist.

© SZ vom 02.03.2021
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