Karin Friedrich Stimme für die Benachteiligten

Karin Friedrich leistete Widerstand zur Nazi-Zeit und war fast 40 Jahre Redakteurin der SZ. In der Nacht zum Freitag ist sie gestorben.

(Foto: Catherina Hess)

Ohne SZ-Autorin Karin Friedrich wäre der SZ-Adventskalender wohl nie so erfolgreich geworden. Sie griff soziale Missstände auf, für die Benachteiligten und Vergessenen setzte sie sich auf allen Ebenen ein.

Von Christian Krügel

Es gibt Stimmen, von denen man erst weiß, wie dringend man sie genau jetzt gebraucht hätte, wenn sie verstummt sind. Die von Karin Friedrich ist so eine, gerade in diesen trüben Tagen voller Hysterie und Kriegsgeschrei, in Zeiten von aufkommender Fremdenfeindlichkeit, sozialer Not und lähmender Zukunftsangst. Man ahnt, wie sie sich gegen all das gestellt hätte.

Hoch geachtete Zeitzeugin

Als hoch geachtete Zeitzeugin hätte Karin Friedrich gewiss ihr Wort ergriffen gegen all die Hetzer, Pegidas und Nazis. Sie hätte erneut von dem Widerstand erzählt, den ihre Mutter und sie in der Nazi-Zeit geleistet hatten. Die Journalistin Ruth Andreas-Friedrich und einige Freunde hatten sich in Berlin zusammengeschlossen, um untergetauchten und jüdischen Mitbürgern zu helfen, um mit Graffiti die Berliner wachzurütteln. Ihre 18-jährige Tochter Karin half, Flugblätter zu verteilen, als die Hinrichtung der Geschwister Scholl bekannt wurde. "Ich war jung und glaubte einfach, dass mir nichts passieren kann. Ich war ja blond und blauäugig", erzählte sie später.

Die Erinnerung an die Aktionen, die unter dem Namen "Onkel Emil" bekannt wurden, hielt sie stets hoch, sie organisierte Ausstellungen, sprach in Schulen, engagierte sich in der Weiße-Rose-Stiftung und warnte vor den neuen Rechten. "Wir haben den Brandstiftern schon viel zu viel Spielraum gelassen", sagte sie in einem SZ-Interview 2005. Ein Jahr zuvor war sie von der Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt worden.

Als Journalistin wäre Karin Friedrich in diesen Tagen wohl zu Höchstform aufgelaufen. Nach fünf Jahren als Schauspielerin am Berliner Hebbel-Theater kam sie 1950 nach München und schrieb von 1953 bis 1992 als Redakteurin für die Süddeutsche Zeitung - engagiert, kämpferisch, mit fester Meinung, weder sich, noch Kollegen, noch Politiker schonend.

Engagement für die, die am Rand stehen

Soziale Missstände griff sie auf, für die Benachteiligten und Vergessenen setzte sie sich auf allen Ebenen ein. Ohne sie wäre der SZ-Adventskalender wohl nie zu dem dauerhaften Erfolg geworden, der er seit 67 Jahren ist. "Blanke Not zu schildern, ans Herz zu rühren, ohne sentimental zu werden, kann eine journalistische Gratwanderung sein", schrieb sie selbst einmal - ihr ist sie geglückt.

Und auch im Ruhestand setzte sie sich für die ein, die am Rand stehen, etwa im Helferkreis Miteinander leben-ProAsyl, auch in ihrem Wohnort Gauting. Die Debatte um Flüchtlinge und deren Integration - wie wichtig wäre da heute ihre Stimme. Jetzt kann nur die Erinnerung daran helfen: Karin Friedrich starb in der Nacht zum Freitag im Alter von 90 Jahren.