Junges Unternehmen Mode mit Lerneffekt

Noch keine 30 und schon Gründer: Nadine Wagner, Florian Breitenberger und Nicolas Behn (von links) machen Shirts aus Reststoffen und betreiben einen Blog über Nachhaltigkeit in der Mode.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Das Label "The URA Collective" will Transparenz in eine verschlossene Industrie bringen

Von Franziska Gerlach

Das Bewusstsein für eine umwelt- und sozialverträgliche Mode kam erst später, genauso wie der Blog und das Fachwissen. Am Anfang, vor gut fünf Jahren, war Nick Behn, einer von drei Machern des Labels "The URA Collective", einfach nur genervt von den ganzen T-Shirts mit den aufgedruckten Markennamen. Und davon, wie bereitwillig viele Münchner Geld ausgeben für ein Kleidungsstück, das sie in einen wandelnden Werbeträger verwandelt. Seien ja nicht gerade preiswert, diese Markenshirts.

Also bat Behn seine frühere Schulkameradin Nadine Wagner, die an der Esmod in München Modedesign studiert hat, aus seinen ausgedienten T-Shirts etwas Neues zu schneidern. Was dann folgte, klingt nach der klassischen Gründungsgeschichte, nach einer originär münchnerischen noch dazu, denn den chinesischen Produzenten ihrer Mode lernten sie auf der Wiesn kennen. Aber der Reihe nach: Wagners Entwürfe aus ausrangierten Klamotten gefielen erst einigen Freunden, dann wollten immer mehr ein Shirt mit Applikationen in Kontrastfarben, mit Dreiecken in Hüfthöhe oder Brusttaschen. Für ihre Firma "The URA Collective" holten Wagner und Behn noch den Sportfotografen Florian Breitenberger dazu, der mit Behn in Innsbruck Betriebswirtschaftslehre studiert hat. URA steht für "useful rag", was sich mit "nützlichen Lumpen" übersetzen lässt.

Das kleine Unternehmen sitzt in Germering, im Elternhaus von Behn. Seine Mutter, Oma und Schwester bringen die im Online-Shop bestellte Ware auf den Weg. Noch können Wagner, Behn und Breitenberger, alle Ende 20, nicht vom Verkauf der T-Shirts aus einem Hanf-Baumwoll-Gemisch leben, die sie in einem mittelständischen Textilbetrieb in China fertigen lassen - und zwar aus Reststoffen. China? Das ist ja nun nicht unbedingt das Land, das man mit Umsicht in der Textilproduktion in Verbindung bringt. Oder ist das nur ein Klischee? Sie hätten dort jedenfalls einen Hersteller gefunden - "Herrn Ding" von Hemp Fortex in Qingdao - der "einen anderen Weg" beschreite, wie Wagner und Behn erzählen. Auf seinen Feldern wachse der Hanf ohne den Einsatz von Pestiziden, ehe die Pflanze in den eigenen Spinnereien und Nähstätten weiterverarbeitet werde. "Da kommt alles aus einer Hand."

Über seinen Vater, der bei einer Münchner Modefirma die Finanzen verantwortet, kommt Nick Behn 2013 in einem Wiesnzelt mit dem chinesischen Textilproduzenten in Kontakt. Der Münchner erzählt ihm von den Shirts aus Stoffresten. Und siehe da: Die Idee findet nicht nur Anklang, der Mann aus Fernost erklärt sich auch zur Herstellung von Shirts und Pullovern in kleiner Auflage bereit, für Männer und Frauen, insgesamt gut 350 Stück. Ein Klacks. "Unter 1000 fangen viele gar nicht zu nähen an", sagt Behn. Das wiederum weiß er so genau, weil er zuvor einige Monate lang erfolglos nach einem geeigneten Textilbetrieb gesucht hatte.

"The URA Collective" schlicht als Label zu bezeichnen, würde jedoch zu kurz greifen: Die Gründer selbst sprechen von einem "Projekt", und gewissermaßen zeugt der Ausdruck auch von der Wissbegierde und Experimentierfreude, aus der sie letztlich die Philosophie ihres Unternehmens formten. Den Geschäftspartnern geht es nämlich nicht nur darum, Mode unter einem hippen Namen zu vertreiben. Mit ihrem Blog wollen sie außerdem dazu beitragen, die undurchsichtige Welt der Textilien, diese Milliardenindustrie mit ihren zahllosen Produktionsschritten, zumindest etwas transparenter zu gestalten. Dafür lesen sie wochenlang Fachartikel, schreiben eigene Texte, verlinken diese mit den Quellen. Recherche ohne Ende.

"Wir haben uns die dreckigste, am härtesten umkämpfte Branche ausgesucht", sagt Breitenberger. Es werde gehörig "Greenwashing" betrieben, sich also "grüner" gegeben als man de facto sei. In den Ohren des Konsumenten klingt "bio" oder "umweltfreundlich" eben nicht nur gut - es verkauft sich auch. Und eine Kollektion aus Bio-Baumwolle gehört bei vielen Modekonzernen längst zum guten Ton.

Doch nachhaltig ist eben nicht gleich nachhaltig, und es ist schon ein Unterschied, ob man beispielsweise in Europa produzieren lässt oder sich ein Siegel leistet wie GOTS (Global Organic Textile Standard), das eine aufwendige Zertifizierung erfordert. Behn, Wagner und Breitenberger nehmen es da recht genau, und als die ersten T-Shirts einzeln in Plastik verpackt in München eintrafen, baten sie die Chinesen, das doch künftig zu unterlassen. Auf ihrem Blog erfährt man, dass die Hanfpflanze weitaus weniger Wasser benötigt als Baumwolle, oder dass ein Kleidungsstück aus Polyester bei jedem Waschgang in der Maschine rund 1900 Mikroplastikfasern verliert, die von den Filtersystemen nicht erfasst werden und direkt im Wasser landen. Ein Seitenhieb gegen die Wegwerfgesellschaft - das ist ihr Projekt. Mit dem erhobenem Zeigefinger wollen sie zwar niemandem kommen. "Wir wussten das ja auch alles nicht", sagt Behn. Nun aber wollten sie ihr Wissen teilen. Gerade weil es so schwierig sei, an Informationen zu gelangen.