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Junge Kunst:Vielfalt der Perspektiven

Für künstlerisch herausragende Leistung vergibt die Stadt München sechs Förderpreise in den Bereichen Architektur, Bildende Kunst, Design, Fotografie und Schmuck. Eine Ehrung mit großer Öffentlichkeit fällt im Pandemie-Jahr indes aus

Von Evelyn Vogel

Willi Geiger und Olaf Gulbransson, Gabriele Münter und Michaela Melián, Alexander von Branca und Peter Haimerl, Regina Schmeken und Katharina Gaenssler - das sind nur einige der bekannten Künstler, die im Laufe der vergangenen mehr als 70 Jahre Förderpreisträger der Landeshauptstadt München waren. Der Preis hat einen guten Ruf und eine noch längere Tradition. 1947 wurde er erstmals an bildende Künstler verliehen und im Laufe der Jahre auf andere Disziplinen ausgeweitet. Trotz seines Namens ist er kein echter Nachwuchspreis, hat aber die Qualität der ausgezeichneten Künstler mitunter zu einem oft noch frühen Zeitpunkt erkannt und gewürdigt.

Nun sind die 6000 Euro, die jeder Förderpreisträger erhält, nicht sehr viel. Aber in diesem Jahr, in dem gerade die freien Künstler unter den Corona-Einschränkungen ganz besonders leiden, sind sie vermutlich notwendiger denn je. Mit 6000 Euro ist jeder der sechs Preise dotiert, die die Stadt mittlerweile alle zwei Jahre "als Auszeichnung einer künstlerisch herausragenden Leistung" in den Bereichen Architektur, Bildende Kunst, Design, Fotografie und Schmuck vergibt, wobei in der bildenden Kunst zwei Preisträger gekürt werden. Aber das Preisgeld ist nicht alles. Es geht auch um Öffentlichkeit und um Aufmerksamkeit für die Künstler.

Verbunden mit der Auszeichnung ist deshalb normalerweise eine Ausstellung, und zwar aller Nominierten. Sie soll zeigen, welche Bandbreite an künstlerischem Schaffen in den verschiedenen Disziplinen aktuell vorhanden ist. Diese Ausstellung hätte im Frühjahr - wie in den Jahren zuvor - in der städtischen Kunsthalle Lothringer 13 stattfinden sollen. Doch kaum war sie mit mehr als 30 Positionen eröffnet, musste sie coronabedingt auch schon wieder schließen. Die Jury hatte deshalb Mühe, den diesjährigen Förderpreisjahrgang adäquat zu beurteilen, kam dann aber doch noch zu einer Entscheidung. Diese Woche wollten die Vertreter der Stadt nun versuchen, die Gekürten wenigstens bei der Preisverleihung ein wenig ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Doch nun musste das Kulturreferat aufgrund der Covid-19-Lage alle Veranstaltungen bis auf Weiteres absagen.

So werden an diesem Mittwochabend sechs Preisträger unter Ausschluss der Öffentlichkeit ihre Urkunden erhalten. Wie gesagt, das Preisgeld wird in diesem Jahr notwendiger denn je sein, um den Künstlern finanziell über die Runden zu helfen. Doch dass sie ein weiteres Mal um ihren Applaus und ihr Rampenlicht gebracht werden, ist für sie bitter.

Bildende Kunst

Sophia Süßmilch arbeitet auch bei "Kokon" mit vollem Körpereinsatz.

(Foto: Sophia Süßmilch)

Zwei Frauen sind es, die in diesem Jahr in der Sparte der Bildenden Kunst ausgezeichnet werden. Da ist zum einen die in Dachau geborene, an der Münchner Kunstakademie ausgebildete Sophia Süßmilch. Sie arbeitet mit Malerei, Fotografie, Video, Performance und Objektkunst und überrascht immer wieder mit ihrer Bildsprache, die mal leise und poetisch, mal knallig laut und clownesk anmutet. Feminismus- und Genderdebatten sind wichtige, wiederkehrende Themen. Dafür inszeniert sie sich oft selbst wie in der Werkgruppe "Fallstudie Schwerkraft". Ihre seltsamen Wesen erscheinen oft zunächst heiter, ja witzig. Auf den zweiten Blick erweisen sie sich als Ausdruck eines matriarchalen, kriegerischen Kosmos. Ihre Performance- und Videoarbeiten erscheinen eng verwoben mit ihrer Biografie, auch Familienmitglieder inszeniert sie in ihren Bildkompositionen. Die Jury befand, ihr Werk sei "geprägt durch Extreme" und hob "die intensive und fordernde künstlerische Arbeit" von Sophia Süßmilch hervor.

Maria VMiers Arbeit ohne Titel (hier ein Detail) war in der Ausstellung als Rauminstallation geplant.

(Foto: Alescha Birkenholz)

Die zweite Auszeichnung in der Sparte Bildende Kunst geht an Maria VMier. Auch sie arbeitet mit verschiedenen Genres und ist als Kuratorin und Verlegerin in München wohl ebenso bekannt wie als bildende Künstlerin. Sie ist Mitbegründerin des Hamman von Mier Verlages, der auf schönste und zugleich sehr zeitgemäße Weise die Tradition des Künstlerbuches wiederbelebt und vorantreibt. Sie leitet den nomadischen Ausstellungsraum "Ruine München", bei dem kollaborative, experimentelle Ausstellungsprojekte im Mittelpunkt stehen. Auch deswegen war der Off-Space zum herbstlichen Kunstevent Various Others eingeladen und bot FAM, einem in Berlin, London und Essen beheimateten feministischem Kollektiv Raum, sich zu präsentieren. Die Jury lobte Maria VMiers künstlerische Arbeit für deren "Vielfalt der Perspektiven" und insbesondere für das "engagierte und kritische Denken", das im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehe. "Dieses kritische Denken treibt ihre künstlerische Selbstverortung zwischen Geschichte und Gegenwart, Politik und Formalismus, Autonomie und Kollaboration an, und macht ihre umfangreichen Projektvorhaben derart produktiv und interessant", so die Jurybegründung.

Architektur

Carsten Jungfer und Norbert Kling von Zectorarchitects haben im Londoner Stadtteil Dalston einen Dachgarten realisiert, der auf soziale Gemeinschaft baut.

(Foto: Mimi Mollica)

Den Förderpreis für Architektur erhalten Carsten Jungfer und Norbert Kling von Zector Architects mit Sitz in London und München. In ihrer gesamten Arbeit kooperieren sie mit unterschiedlichen Gruppen und Akteuren aus Architektur, Stadtplanung und künstlerischen Disziplinen. Irgendwelche austauschbaren Schuhschachteln zu planen oder Bauherrenfantasien zu verwirklichen, ist nicht das Ding von Carsten Jungfer und Norbert Kling. Mitunter reichen ihnen schon minimale Eingriffe, um Mitbestimmung und Teilhabe der Bewohner deutlich zu machen. Aber Zector Architects entwerfen durchaus auch städtebauliche Konzepte, die Stadt, Ökologie und Gesellschaft verbinden und vor allem eines sein wollen: offen und flexibel. Ein Beispiel ist ein Projekt im Londoner Bezirk Dalston. Seit 2009 arbeiten Jungfer und Kling zusammen mit Menschen vor Ort an räumlichen Interventionen und Prozessen. Immer mit dem Ziel, den Raum nach den Anforderungen und Wünschen der dortigen Gesellschaft zu gestalten. Für den Förderpreis haben ZectorArchitects die Installation "Zaunbank" entworfen - und damit eines der größtmöglichen deutschen Klischees variiert. Aus dem trennenden Gartenzaun wird eine auf Kommunikation und Interaktion ausgerichtete Sitzbank. Die Jury würdigte daher auch das besondere soziale Engagement der Arbeit von Carsten Jungfer und Norbert Kling sowie ihre Fähigkeit, sich in verschiedenen Interventionsmaßstäben zu bewegen. "Ihr Ansatz, Architektur zu verstehen und zu realisieren, ist mit Blick auf die Herausforderungen unserer heutigen Gesellschaft und die zunehmende Komplexität der urbanen Welt vorbildhaft und von hoher Relevanz."

Design

Leonhard Rothmoser hat für den Wettbewerb das mehrteilige Objekt "Projecting Age" entworfen.

(Foto: Alescha Birkenholz)

Seine Figuren sind schon durch ziemlich viele Hände gegangen. Leser von Brandeins oder Disegno, des SZ-Magazins ebenso wie der Neuen Züricher Zeitung kennen die Handschrift des Münchner Zeichners Leonhard Rothmoser. Mit seinen Illustrationen für Tageszeitungen und Magazine hinterfragt Rothmoser auf eine sehr lakonisch-amüsante Art und Weise die Gestaltung von Prozessen, Systemen, Normen und Dingen, die unseren Alltag und das gesellschaftliche Zusammenleben prägen. Seine oft gesichtslosen Gestalten formt er mit nur einer durchgängigen Linie. Trotzdem gelingt es Rothmoser, mit den auf wenige Merkmale reduzierten Figuren einen hohen Wiedererkennungseffekt zu schaffen. Gemeinsam mit Jonas Hirschmann und Roman Häbler hat Rothmoser 2013 den Verlag Klick-Klack-Publishing gegründet, in dem sie die soziale, kulturelle und ästhetische Entstehungsgeschichte von Graffiti in München erkunden. Zugleich dient der Verlag als Plattform für Vernetzung und Kollaborationen. Dass Rothmoser jenseits dieser Auftragsarbeiten "souverän eigenen Fragestellungen nachgeht und dabei in den Medien und Formaten der Umsetzung seiner Werke nicht festgelegt ist", hob die Jury in ihrer Begründung hervor und verwies insbesondere auf die für die Förderpreisausstellung entstandene Arbeit "Projecting Age". "In der Konsequenz, in der er seinen Weg verfolgt, hat er in vielerlei Hinsicht eine Vorbildwirkung für die Gestaltungslandschaft in München und darüber hinaus", so das Fazit der Jury.

Fotografie

Saskia Groneberg untersucht in ihrer Fotoarbeit "Garden City" das Verhältnis von Mensch und Natur.

(Foto: Saskia Groneberg)

"Garden City" heißt die sechsteilige Leuchtkasteninstallation von Saskia Groneberg, in der sie die Begrünung von öffentlichem Raum und Büroalltag fotografisch verschmilzt. "Garden City" ist eigentlich die Metapher für eine nachhaltige Gartenstadt. Doch längst haben sich einstige Gartenstädte wie Bangalore, die geprägt waren von historischen Gärten, Seen und üppig blühenden Alleen, in Megacities verwandelt, in Moloche, die von gigantischen Baustellen, sterilen Einkaufsmalls, endlosen Verkehrsstaus und Bergen von Müll entstellt werden. Groneberg untersucht in ihren Arbeiten das Verhältnis von Mensch und Natur. Nicht nur anhand von Megacities und Stadtparks, sondern auch, indem sie die Beziehung der Deutschen zu ihrem liebsten Büro-Utensil, der Büropflanze, thematisiert. Das tut sie aus einer oft alltäglichen, aber durch die Perspektive ungewöhnlich wirkenden Sichtweise heraus. Die Jury lobte in ihrer Begründung Saskia Gronebergs ausgeprägten Sinn für eine starke Verbindung von Inhalt und Form, von Konzept, Recherche und Präsentation, für die sie auch vielfach ausgezeichnet wurde. "Der Förderpreis soll ihr künstlerisches Schaffen einmal mehr würdigen und die Weiterentwicklung ihres Werkes unterstützen."

Schmuck

Carina Shoshtary schafft aus ungewöhnlichen Materialien wie fossilen Haifischzähnen das Schmuckstück "The Lonely Beast".

(Foto: Carina Shoshtary)

Es sind oft Überreste künstlerischer Hinterlassenschaften oder Fundstücke aus der Natur, die Carina Shoshtary für ihre Schmuckobjekte verwendet. Abgeplatzte Farbschichten einer Grafittiwand, abgebrochene Äste, zerfallende Mandelschalen oder ausgefallene Haifischzähne konserviert sie und setzt sie zu außergewöhnlichen Schmuckstücken zusammen. Kubische Körper, die in Form und Farbigkeit wie Kristalle anmuten, feinste Schuppen aus Pigmentschichten - aus all dem entwickelt Shoshtary magische Gebilde für Kopf, Gesicht, Hals und Ohr, die den Ausdruck des Archaischen in sich tragen. So macht die Künzli-Absolventin der Kunstakademie die Träger ihrer Schmuckstücke zu Jägern und Sammlern. Die Jury befand: "Virtuos und mit poetischem Feinsinn trägt Shoshtary so zum Fortbestand der Schmuckkunst in einer höchst aktuellen Form bei."

© SZ vom 28.10.2020
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