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Jugendliteratur:Lese-Abenteuer

Die Bücherschau junior im Münchner Stadtmuseum präsentiert mehr als 5000 Bücher und Medien aus 90 Verlagen. Auf die jungen Besucher warten neben Ausstellungen und Autorenlesungen auch viele interaktive Angebote

Von Barbara Hordych

Vor einem Jahr flogen auf der Bücherschau Junior im Studio des Stadtmuseums die Fetzen - die allerdings aus Stoff waren. Denn die Bilder in Ruth Feiles Büchern um die Kleinfamilie "Wutz und Butz" sind genäht, gesteppt und gestickt: Das Bärenkind Butz trägt Opas braunen Bademantel, seine kleine schweinchenfarbene Schwester Rosi ist aus Omas Frottierhandtuch geschnitten und Oma Bär ist aus einer dicken Wattejacke gemacht. Wen wundert es da, dass der Betrachter den Impuls hat, darüber zu streichen, die Perlen, Borten und Knöpfe zu spüren und die unterschiedlichen Stoffe zu erfühlen? Möglich war das in einer Lese-Nähwerkstatt, zu der Ruth Feile als Anschauungsmaterial die Originale ihrer Figuren mitbrachte. "Ich zeigte den Kindern die Stofflappen, die für die Bücher abfotografiert und dann gedruckt werden", erzählt die Autorin. Und dann wurde es wuselig. Die jungen Besucher konnten aus mitgebrachtem Stoff selbst Motive ausschneiden, aufbügeln und so ihre eigenen Taschen mit Butz und Rosi gestalten.

Was sonst in Ausstellungen eher verboten ist, ist im Stadtmuseum ausdrücklich erwünscht - Kinder forschen in den Regalen nach ihren eigenen Lieblingsstücken.

(Foto: Kerstin Dahnert)

Noch bewegter ging es bei Petra Breuers "Museums-Vorlese-Führung" zu: Die Autorin der historischen Kinderbuchreihe "Abenteuer in München" um die zehnjährigen Freunde Anna und Ben streifte im ersten Stock mit ihren jungen Zuhörern durch den Moriskensaal, um in der Dauerausstellung "Typisch München!" das Rätsel um diese Tänzer-Figuren zu lösen. Die Veranstaltung war so nachgefragt, dass sie bei der diesjährigen Bücherschau Junior gleich an vier Vormittagen je zweimal für Dritt- und Viertklässler angeboten wird. Aber was bedeuten diese Aktivitäten rund um das Thema Lesen? Sind Bücher ohne "Eventisierung" jungen Lesern nicht mehr vermittelbar?

Freuen sich über die vielen positiven Rückmeldungen "ihrer" Autoren im Gästebuch: Die Programmgestalter Birgit Franz und Klaus Beckschulte.

(Foto: Robert Haas)

"Keinesfalls", sagt Klaus Beckschulte, Geschäftsführer des Bayerischen Landesverbandes im Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der als Wirtschaftsverband rund 1100 Verlage und Buchhandlungen vereint. Gemeinsam mit Birgit Franz rief er vor zehn Jahren die Bücherschau Junior ins Leben. Es gebe einfach so viele tolle Bücher, die geradezu danach riefen, mit Aktionen verknüpft zu werden, sagt Beckschulte in seinem Büro im Literaturhaus. "Auch wissen wir inzwischen, dass Kinder das, was sie tun, besser behalten als das, was sie lesen", ergänzt Birgit Franz, die das Programm von Anfang an kuratiert. In diesem Sinne erklärte der Neurobiologe Professor Gerald Hüther jüngst in einem Interview zum Thema Lernen: "Was im Hirn wirklich hängen bleibt, das ist nicht das, was man gelernt hat, sondern das ist das, womit man eine Erfahrung gemacht hat." Von daher liegen Birgit Franz und Klaus Beckschulte wohl richtig mit ihren interaktiven Angeboten: Inspiriert von den vier Freundinnen aus Katja Alves' "Muffin-Club" wird etwa im Café Luitpold nicht nur gelesen, sondern auch gebacken; wenn Alexandra Helmig aus ihrem Buch "Im Land der Wolken" vorträgt, begleitet sie Anemone Kloos mit Live-Zeichnen, anschließend können die Zuhörer im Kinderkunsthaus selbst kreativ werden. Mit den Sportjournalisten Birgit Hassebusch und Stefan Grothoff, Autoren der "Sneakers"-Buchreihe, können Workshop-Teilnehmer den Nachwuchsreportern Lena und Luis nacheifern und Interviews führen sowie Fußballspiele kommentieren; die Autoren Andreas Steinhöfel und Annette Mierswa lesen im Filmmuseum aus ihren Büchern "Rico, Oskar und die Tieferschatten" beziehungsweise "Lola auf der Erbse" - anschließend laufen die Filme und die Autoren erzählen, wie es für sie war, ihre Geschichten im Kino zu sehen. Den neuen Medien stehen die Programmgestalter aufgeschlossen gegenüber. "Natürlich soll der Film nicht die Lektüre des Buchs ersetzen, damit würden wir uns ja selbst die Basis entziehen; aber die Medien nebeneinanderzustellen und zu vergleichen, fördert die Kompetenz von Kindern und Jugendlichen", sagt Beckschulte. Mehr als 5 000 Bücher und Medien aus 90 Verlagen präsentiert die Bücherschau Junior im Münchner Stadtmuseum. Auf die Besucher - einerlei ob Kindergartenkind oder Jugendlicher - warten auch Ausstellungen und Autorenlesungen.

Vorlesezeit

Selbst wenn sie schon längst lesen können, gibt es für viele Kinder nichts Schöneres, als sich vorlesen zu lassen. Die Bücherschau Junior hält dazu zahlreiche Angebote bereit: Zunächst bei den Lesungen der Autoren selbst, was den Vorteil bietet, dass man ihnen nicht nur zuhören, sondern auch Fragen stellen kann. Aber auch die Vorleser vom Verein "Lesefüchse" präsentieren in der Buch-und Medienausstellung, die vom 27. Februar bis 6. März im Münchner Stadtmuseum stattfindet, lustige und spannende Geschichten. Wer in München mit zwei- oder mehrsprachigem Hintergrund aufwächst oder Interesse am frühen Fremdsprachenlernen hat, ist bei den Vorlesern der Internationalen Forschungsstelle für Mehrsprachigkeit an der LMU gut aufgehoben: Sie bieten Vorlese-Nachmittage in neun unterschiedlichen Sprachen an - von Arabisch bis Spanisch. Alle Termine sind unter www. muenchner-buecherschau-junior.de zu finden.

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Insbesondere das Vormittagsprogramm für Kindergartengruppen und Schulklassen ist den Veranstaltern wichtig. "Damit erreichen wir Kinder, die sonst vielleicht gar nicht mit Büchern in Kontakt kommen würden", sagt Birgit Franz. Sie höre immer wieder von der "Initialzündung", die ein ganz bestimmtes Buch für Kinder habe. Das sei dann so begeistert von einem Thema oder einer Lieblingsfigur, dass es nach immer mehr verlange. Von daher machen auch "Reihen" in ihren Augen Sinn. "Sie entsprechen einfach dem Bedürfnis junger Leser."

Seit vergangenem Jahr erhält die Bücherschau einen Zuschuss vom Kulturreferat in Höhe von 15 000 Euro. "Das ist eine Anerkennung unserer Arbeit, die wir gebraucht haben", sagt Beckschulte. Zwar sei der Börsenverein des Buchhandels ein Wirtschaftsverband. "Doch auch ich muss meinen Geldgebern gegenüber immer wieder plausibel machen, welch wichtigen Beitrag die Bücherschau Junior für die Leseförderung und den Spracherwerb leistet." Dabei würden Handwerksbetriebe immer öfter darüber klagen, dass die Lehrlinge gar nicht mehr richtig schreiben und lesen könnten, sagt Franz. "Das Problem ist aber, dass unsere Arbeit so wenig sichtbar ist." Lesen ist nun mal eine private Angelegenheit. Nicht von ungefähr lieben es die jungen Besucher der Schau, sich in eines der Lesezelte zurückzuziehen. Um dort mit ihrem Schatz, dem Buch, alleine zu sein.

© SZ vom 26.02.2016
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