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Jahresausstellung der Fotografieklasse:Strafbare Kunst

Intervention im urbanen Raum: ein Plakat aus der "Pandemic Edition" der Klasse für Fotografie.

(Foto: Anonym, Plakat: Michael Hofstetter)

Akademiestudenten plakatieren illegal

Von Sabine Reithmaier

Gar nicht so einfach, eine Ausstellung auf die Straße zu verlegen. Für die Fotografieklasse der Akademie der Bildenden Künste hat der Entschluss, den öffentlichen Raum für die Jahresausstellung zu nutzen, auf jeden Fall unangenehme Folgen. Denn was für sie eine Kunstaktion ist, bezeichnen andere als wildes Plakatieren. Letzteres ist bekanntlich verboten. Das wussten die Studierenden auch, bevor sie sich dazu entschlossen, ihre Arbeiten als A1-Plakate an Wänden und Plätzen der Stadt anzubringen. Normalerweise wären sie in der Akademie geblieben. Doch in Corona-Zeiten sind dort keine Ausstellungen erlaubt. "Jeder Studierende wollte sich und seine fragile Stellung zwischen privat und öffentlich, zwischen legal und illegal und zwischen Depression und Euphorie zeigen", erläutert Dozent Michael Hofstetter, Mitarbeiter am Lehrstuhl für Fotografie (Dieter Rehm) das Thema der "Pandemic Edition". So entstanden 16 persönliche Plakate, "surreal, poetisch, kämpferisch, idyllisch".

Hofstetter hatte den Studierenden angeboten, ihre "visuellen Gedichte" auf legalem Weg zu publizieren und Werbeflächen zu mieten. Aber die Klasse war sich einig: "Antikapitalistische Poesie kann man nicht auf kapitalistischen Kanälen senden." So zitiert sie jedenfalls ihr Dozent in einem Pressetext, den er als Brief an den Münchner Fotografen Andreas Bohnenstengel geschrieben hat. Dessen Plakaten war Hofstetter während einsamer Spaziergänge in den Lockdown-Monaten mehrmals begegnet, im Schlachthofviertel vor allem den Motiven aus dessen berühmt gewordener Serie "Pferdemarkt" aus dem Jahr 1996. "Die Bilder machten einen Zusammenhang zwischen der Pandemie und den Schlachthöfen auf, bevor er evident wurde", findet Hofstetter, der aufgrund des inneren Zwiegesprächs, das er mit den Plakaten führte, den ihm ansonsten unbekannten Fotografen zum Adressaten seines Briefes erkor.

Bohnenstengel freut sich über die Kunstaktion. "Ich finde das gut", sagt er. Die eigenen Plakate versteht er als bewusst und öffentlich gesetzte Erinnerungsmarker. Die "Kocherlball"-Aufnahme etwa erinnert an Zeiten, in denen man andere spontan berühren durfte. "Inzwischen haben sich Leute schon viel zu sehr daran gewöhnt, sich nicht anzufassen." Aber während der Fotograf nicht selbst plakatiert, entschied sich die Klasse, ihre Werke in Eigenregie aufzuhängen.

Die ersten zwei, die die Polizei erwischte, trafen auf milde Beamte. Sie wurden von der Streife nur aufgefordert, die Plakate wieder abzureißen und nach Hause zu gehen. Weniger Glück hatte das Quartett, das einen Tag später unterwegs war. Mitten während des Kleisterns kam die Polizei. Die Vier erhielten eine Strafanzeige, müssen sich wegen Sachbeschädigung, fehlenden Impressums und Copyright-Verletzung verantworten. Eine Künstlerin hatte für ihre Arbeit das offizielle Werbeplakat der berittenen Polizei verwendet.

Seither diskutiert die Klasse darüber, ob sie sich schuldig gemacht hat, weil sie den öffentlichen Raum zum öffentlichen Raum gemacht hat. Die Kunstaktion habe einen neuralgischen Punkt getroffen, glaubt Hofstetter. Schließlich merke man erst jetzt, dass der öffentliche Raum nicht öffentlich, sondern "eingehegt ist von den Interessen des Kapitals". In seinem Brief fragt er: "Sind wir die Stadt oder sind wir nur geduldeter Verkehr in dieser? ... Jetzt stellt sich raus, dass wir immer willkommen waren als Einkaufsverkehr, aber verpönt als Sozialverkehr."Es gebe keine Ausweichorte mit Ventilfunktion mehr, wie Discos und Clubs. Daher töne eine Frage unausgesprochen aus allen Brennpunkten und spontanen Partymeilen: "Wem gehört die Stadt?"

© SZ vom 08.08.2020

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