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Ivan Repušić:Religiöse Ekstase

Der Chef des Münchner Rundfunkorchesters dirigiert slawische Musik.

Von Klaus Kalchschmid

Unmittelbar nach dem Ende des Unabhängigkeitskriegs, der Kroatien die schon 1991 proklamierte Eigenständigkeit sicherte, komponierte der 1938 geborene Igor Kuljerić 1996 sein Hrvatski glagoljaški rekvijem, zu Deutsch: "Kroatisches glagolitisches Requiem". Es ist das nicht minder emphatische Pendant zu Leoš Janáčeks Mša Glagolskaja von 1926. "Gospodi, pomiluj - Herr, erbarme dich unser" wird zu Beginn der einstündigen Trauermusik für Chor, vier Solisten und Orchester unablässig auf Altslawisch gesungen. "Dan gnjiva, dan on iskroju - Tag der Rache, Tag der Sünden", skandiert der Bariton später nur mit Sprechstimme; Chor und Orchester flüstern immer wieder, steigern sich aber auch häufig in wild skandierende Rhythmen hinein. Der BR-Chor und die Solisten Kristina Kolar, Annika Schlicht, Eric Laporte und Ljubomir Puškarić widmen sich der glühend intensiven slawischen Melodik in der Herz-Jesu-Kirche im Februar 2020 live mit ebenso großer sprachlicher Präzision wie musikalischer Leidenschaft. Ob Anrufung des Herrn, von Jesus, dem Lamm Gottes oder dem Heiligen Michael: die Gläubigen singen sich immer wieder in religiöse Ekstase hinein. Selbst Kroate, entlockt Ivan Repušić seinem Münchner Rundfunkorchester eine enorme Farbpalette von zarten Pastelltönen bis zu satt leuchtender Intensität.

Igor Kuljeric: Glagolitisches Requiem, Münchner Rundfunkorchester, BR-Chor, Ltg.: Ivan Repušić, BR-Klassik, 2019/2020

© SZ vom 26.11.2020
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