Münchner Kammerspiele Was ist heute noch eine Revolution?

Was ist heute noch eine Revolution? Was ist Depression, fragt sich der Niederländer Simons, der die Adaption eines französischen Topos, der für den deutschen Vormärz relevant werden sollte, durch einen deutschen Autor inszeniert. Johan Simons also eröffnet die Spielzeit 2013/14 mit "Dantons Tod", seinem vierten Versuch an einem der drei Dramen Georg Büchners. "Leonce und Lena" sei schön geworden. Für seine beiden "Woyzeck"-Inszenierungen findet Simons hingegen nur einen Begriff: "Scheiße".

Der Intendant hält mit Selbstkritik wie auch mit emotionalem Engagement nicht hinterm Berg. Am deutlichsten wird das bei zwei Inszenierungen, für die sein Herz hüpft, "Tauberbach" des belgischen Choreografen Alain Platel, in dem Gehörlose zu Musik von Bach singen werden. Simons hebt an zum Gesang der Tauben, stößt monotone Laute mit gleichwohl wohltönendem Bariton aus - ein Stück zum Weinen, wie er sagt, über das grenzenlose menschliche Unglück, die Musik von Bach nicht hören zu können.

Und noch einmal hebt Simons an zu singen, wenn er den gaumigen Sprechlaut eines Menschen mit Hasenscharte, wie sein Vater einer war, imitiert und so seine eigene Inszenierung von Heinar Kipphardts "März" ankündigt, ein Stück, das ihn die Frage nach dem Wesen der Schizophrenie stellen lässt, an der der hasenschartige Dichter März litt.

Auch wenn aus dem Schwarz des Spielplanbuches grelles Pink herausleuchtet, so kreist doch alles um die erdenschweren, düsteren Aspekte des Lebens. Johan Simons' Blick auf die Welt von heute kündet nicht gerade von Optimismus und ist gerade deshalb realistisch. Inszenierungen zweier einstiger Skandalstücke von Jean Genet handeln, freilich aus anderer Perspektive als der "Danton" , vom Aufbegehren. "Die Zofen", die sich Stefan Pucher vornehmen wird, und "Die Neger", die Johan Simons gewählt hat, geben einen Theaterabend, der, so seine Prognose, ziemlichen Krach zur Folge haben werde.

1959, als Genet das Stück schrieb, erregte die Bezeichnung "Neger" keinerlei Anstoß. Dass Simons weiße Schauspieler wählt und sie nicht wie die Black Minstrels schwarz bepinselt, um den "Neger", den Underdog infrage zu stellen, versteht sich schon fast von selbst. Dem Vorstadt-Pülcher, der zum Mörder wird, dem Hutschenschleuderer im Wiener Prater widmet sich Stephan Kimmig in Molnárs "Liliom", der neuerlich immer mit seinem ungarischen Vornamen Ferenc apostrophiert wird, obgleich er doch als ein Dramatiker namens Franz Molnár bekannt ist.

Die Kammerspiele brummen

Die Uraufführungen setzen unter anderem die Tradition der Simons-Kammerspiele fort, Filmstoffe für die Bühne zu adaptieren. "Ilona. Rosetta. Sue", die traurigen Film-Heldinnen, werden arbeits- und obdachlos. Die Uraufführung dieser Koproduktion ist in Tallinn, es folgen Brüssel und München.

René Pollesch steuert einen neuen René Pollesch bei, diesmal mit dem Titel "Gasoline Bill", und Paul Brodowsky, der für die Kammerspiele "Troilus und Cressida" übersetzt hat, schreibt an einem Künstlerdrama über Frank Wedekind, der im Juli 1864 vor 150 Jahre geboren wurde. Für die Inszenierung kommt Luk Perceval ans Haus zurück.

Erfolgreiches wie Liebgewonnenes wird auch 2014/ 2015 fortgesetzt, der Lesemarathon "The Rest is Noise" über die Analogie von gesellschaftlichen und musikalischen Umbrüchen im 20. Jahrhundert, die Alex Ross in einer veritablen Schwarte niederschrieb und die Simons wärmstens zu lesen empfiehlt. Es gibt abermals eine "Lange Nacht" der neuen Dramatik, und Regieassistenten dürfen sich in einem "Laboratorium" und einem Émile-Zola-Projekt des Dramaturgen Matthias Günther in dem ja ursprünglich dem Experimentellen verschriebenen Werkraum erproben.

Das internationale Theaterfest "Relations" fällt heuer mit der zehnten Ausgabe des Festivals Spielart zusammen. Hinzukommen die Musikprogramme. Die Kammerspiele brummen - und übertönen erst einmal jeden Abschiedsschmerz.