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Installation:Das Blut der Frauen

Anish Kapoors "Howl" in der Pinakothek der Moderne

Von Evelyn Vogel

Sie drückt sich in die Rotunde wie ein fetter, satter Ball. Schwebt im Erdgeschoß wie ein zur Landung ansetzendes Ufo knapp drei Meter über den Köpfen der Besucher, quillt im ersten Stock zwischen den Betonstützen hervor, um dann leicht wie eine gewölbte Erdoberfläche unter der lichtdurchfluteten Kuppel in der Pinakothek der Moderne zu hängen. Die raumgreifende Monumentalskulptur "Howl" des Künstlers Anish Kapoor füllt die gigantische Rotunde auf eine Weise aus, die überwältigend und bedrohlich, abstoßend und sinnlich zugleich ist. Nichts hat sie von der spielerischen Leichtigkeit Ingo Maurers "Pendulum", das zuvor hier hing und mit dem das neu konzipierte Raumprogramm für die Rotunde der Pinakothek im vergangenen Jahr begonnen worden war.

Nie zuvor hat das Museum, das auf den Tag genau vor 18 Jahren eröffnet wurde, ein so gewaltiges Kunstwerk ausgestellt: 14 Meter hoch, mit einem Durchmesser von 22 Metern. Kapoor hingegen, der britische Künstler mit indischen Wurzeln, hat viel Erfahrung mit monumentalen Plastiken. Ob "Marsyas" für die Turbinenhalle der Tate Modern oder "Cloud Gate" im Millennium Park Chicago - der vielfach international ausgezeichnete Künstler, der sich seit 2013 auch "Sir" nennen darf, konzipiert in seinem Studio in London aus Edelstahl, Wachs, PVC, Silikon, Fiberglas und Zement große und großartige Werke. Selbst Objekte, die fast nur aus reinen Pigmenten bestehen, sind von beachtlicher Größe, wie man 2018 in Kapoors Münchner Galerie Klüser erleben durfte.

Normalerweise fertigt er alles mit einem eingespielten Team aus Spezialisten an und installiert es vor Ort millimetergenau. Dieses Mal war Kapoor coronabedingt nicht dabei, überwachte aber jeden Schritt von seinem Studio aus, von wo er auch zur Pressekonferenz per Livestream zugeschaltet war. Er erzählte von der ersten Idee eines luftgefüllten Ballons, "ein großen Nichts", über den Wandel der Farbgebung vom hellen Rot bis hin zum tiefdunklen Rotbraun und der symbiotische Beziehung zwischen Skulptur und Architektur, die zu jeder Jahreszeit unterschiedlich erfahrbar sein werde.

Bezüge zu Allen Ginsbergs Klagegedicht "Howl" klingen im Titel an. Dieser verzweifelte Schrei in der Dunkelheit der Nacht verweise auch auf aktuelle politische, ästhetische und gesellschaftliche Ereignisse. Weniger offensichtlich ist der feministische Ansatz der Arbeit: Die rotbraune Farbe steht für Menstruationsblut, sagte Kapoor. Das Blut der Frauen sei der Ursprung allen Lebens. Kultur sei in ihren Ursprüngen weiblich, nicht männlich. Jener gehe zum Himmel, seine Farbe sei das Blau. Leidenschaftlich forderte er eine Rückkehr zu den Ursprüngen, die rot, mütterlich und voller Kraft seien. So ist Kapoors Skulptur, dieser große Blutstropfen, der in der Rotunde den Blick in den Himmel verstellt, also ein gewaltiges feministisches Statement.

© SZ vom 17.09.2020

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