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Inklusion:WG-Feeling statt Heim

Eltern finanzieren weiteres Wohnprojekt für Behinderte

Von Sven Loerzer

Als die Tochter mit 22 Jahren auszog, war das ein großer Schritt zu mehr Selbständigkeit: Die junge Frau mit Down-Syndrom zog in ein Haus, das 28 Menschen mit Behinderung Platz bietet. Ihr Vater Hans-Jürgen Gerhardt hat das Konzept zusammen mit anderen Eltern entwickelt. Zehn Jahre ist das jetzt her, damals war das Haus in Oberschleißheim der Prototyp in Bayern für ein neues Wohnangebot für Menschen mit geistiger Behinderung. "Elternfinanziertes Wohnen" nennt dies der Betreiber, das Heilpädagogische Centrum Augustinum (HPCA). Weil es sich bewährt hat, entsteht nun ein weiteres solches Wohnprojekt in Höhenkirchen-Siegertsbrunn, für das gerade der Grundstein gelegt wurde.

Vor mehr als zehn Jahren hatte alles mit der Überlegung begonnen, wo die erwachsene Tochter leben kann. Zusammen mit anderen Eltern und dem HPCA entwickelte Gerhardt die Idee eines Hauses, das von den Eltern mitfinanziert wird. Dazu gründeten die Eltern eine Kommanditgesellschaft. Mit dem eingebrachten Kapital von 90 000 Euro je Gesellschafter und durch die Aufnahme eines Darlehens finanzierte die Gesellschaft den Grundstückserwerb und den Hausbau. Das Haus wiederum wird an den Betreiber, das HPCA, vermietet, die Einnahmen dienen dazu, den Kredit zu bedienen. Die erworbenen KG-Anteile sind verkäuflich, etwa bei einem Umzug. Und sie zählen sozialhilferechtlich zum Schonvermögen, das nicht für den Lebensunterhalt eingesetzt werden muss.

Weil die Eltern Kapital einbringen, kann das Haus großzügiger ausfallen als nach Sozialhilfestandards üblich, erklärt Gerhardt. Die 22- bis 50-Jährigen leben in drei Wohngruppen zusammen, jeder der Bewohner hat einen individuell eingerichteten Wohn-/Schlafraum und ein eigenes Bad. "WG-Feeling" prägt den Charakter des Hauses, die Bewohner kochen miteinander und unternehmen gemeinsam Ausflüge. Die Bewohner gehen zur Arbeit, Mitarbeiter des HPCA kümmern sich morgens und abends um sie. "Meine Tochter fühlt sich dort sehr wohl."

Davon und durch die Gespräche mit Eltern von behinderten Kindern motiviert, startete Gerhardt zusammen mit der Gemeinderätin Andrea Hanisch aus Höhenkirchen-Siegertsbrunn, unter deren Angehörigen auch ein junger Mann mit Down-Syndrom ist, ein neues Projekt: Zusammen mit anderen Eltern gründeten sie vor drei Jahren den Verein "Zukunft trotz Handicap", um Menschen mit angeborenen oder erworbenen Behinderungen zu unterstützen. Eva Brosi-Reichel, deren 27-jähriger Sohn Autist ist, hat sich an dem Projekt beteiligt, weil es Menschen mit Behinderungen ermöglicht, ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben zu führen und damit ihrem Sohn eine gute Perspektive bietet. Das Angebot war schnell ausgebucht, der Bedarf ist groß.

Die Gemeinde überließ dem Verein ein Grundstück, auf dem jetzt nach den Plänen der Architekten Koch und Partner ein Haus für 26 Bewohner im Alter von 18 bis 30 Jahren entstehen wird. Sie sollen im September 2017 einziehen und in sechs Wohngruppen zusammenleben, der Betreiber wird wiederum das HPCA sein. Die Eltern haben jeweils 100 000 Euro Eigenkapital aufgebracht. Für drei Plätze hat der Verein die Manfred Halbauer Stiftung als Partner gewonnen, damit auch Menschen mit Behinderungen, die kein Vermögen haben, einziehen können. Künftig soll ihr Anteil noch größer werden. "Wir wollen eine Brücke schlagen", sagt Gerhardt, zwischen Menschen mit und ohne Geld.

Das größere Platzangebot und die bessere Ausstattung, etwa mit Wellness-, Sport- und Musikanlage, kommen bei den Oberschleißheimer Bewohnern sehr gut an. Auch die Fluktuation von Arbeitskräften sei geringer, sie seien stolz, in diesem Haus arbeiten zu können, betont Gerhardt. Denn es sei mehr als ein Heim. Gerhardts Tochter ist das deutlich anzumerken. Wenn sie Festtage im Kreise der Familie verbringt, macht sie klar: "Danach möchte ich nach Hause."

© SZ vom 03.05.2016
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