Hommage:Mit Stil, Haltung und etwas Schmäh

Nikolaus Bachler verabschiedet sich mit einem fulminant besetzten Konzert als Intendant in München. Marina Abramović und Diana Damrau erzählen von ihrer Arbeit mit ihm.

Von Rita Argauer

Als Nikolaus Bachler das Nationaltheater nach mehr als einem halben Jahr der Schließung wieder eröffnete, schoß Stolz und Trotz von der Bühne. Seht her, wir haben überlebt, wir können etwas. Aber auch: Seht her, welch Weltklassemusiker und -Sänger hier so spontan nun auf der Bühne stehen. Bachlers Verhältnis zu den Sängern ist ein besonderes. Er holt die ganz Großen und er bindet sie an das Haus. Und so gibt es nun ein Konzert am Ende dieser letzten Opernfestspiele unter Intendant Nikolaus Bachler, das ziemlich einmalig werden dürfte. Am vorletzten Abend der Spielzeit, am 30. Juli, verabschiedet sich der Chef. Unter dem Titel "Der wendende Punkt", was eben auch das Motto dieser auch pandemiebedingt durchwachsenen Spielzeit war, musizieren all die großen Sänger und Musiker, die seine Premieren und Produktionen in München geprägt haben.

Der eben zum Kammersänger ernannte Pavol Breslik trifft dabei auf Christian Gerhaher, Anja Harteros und Ermonela Jaho. Kirill Petrenko und Kent Nagano als sein Vorgänger als Generalmusikdirektor sind dabei, ebenso die Dirigenten Constantinos Carydis und Asher Fisch. Der hauseigene Weltstar Jonas Kaufmann trifft auf Anna Netrebko, der Weltstar, der regelmäßig nach München kommt. Hinzu kommen Anja Kampe, Wolfgang Koch, Nina Stemme, Bryn Terfel, Georg Zeppenfeld, Anne Sofie von Otter, Marlis Petersen und Anne Schwanewilms. In seinen Besetzungen aber schaffte es Bachler nicht nur auf die Strahlkraft der großen Namen zu setzen. Er forderte diese durch ungewöhnliche und experimentierfreudige Regisseure, durch künstlerische Wagnisse und durch interdisziplinäre Ansätze wie zuletzt etwa mit Marina Abramović' Opern-Performance "7 Deaths of Maria Callas".

"In den zwei Jahren, in denen wir das Projekt ,7 Death of Maria Callas' entwickelt haben, war er nicht nur der Chef des größten europäischen Opernhauses, sondern auch ein Freund und ein großartiger Mensch", erklärt Abramović. "Mit seiner konstruktiven, bedeutungsvollen Kritik, hat er mir geholfen, eine klare Vorstellung von meiner Oper zu entwickeln", sagt sie weiter, er habe ihr vertraut und an sie geglaubt und ihr so die Gelegenheit gegeben, "die Vision, die ich seit Jahren im Kopf hatte, umzusetzen". Was sie am meisten an Nikolaus Bachler schätzt? "Seine Direktheit, seine Klarheit und seine Ehrlichkeit."

Eröffnungspremiere der Münchner Opernfestspiele, 2014

Nikolaus Bachler mit Anna Netrebko bei der Eröffnungspremiere der Opernfestspiele 2014.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Er ist für mich wirklich ein hochgebildeter Mann, mit Stil, Geschmack, Haltung, viel Humor. Und einer Portion österreichischen Schmäh, das finde ich cool", sagt auch die Sopranistin Diana Damrau. Als sie davon erzählt, dass er vor oder nach den Premieren immer die Sänger zu sich nach Hause zum Essen eingeladen habe, wird auch klar, warum sie alle immer wieder nach München kamen. "Ich durfte zu diesen Essen auch meine Kinder mitbringen, die sind da durch die Gegend gekrabbelt. Er ist erstaunlich offener und nahbarer Mensch, gerade für einen Intendanten." Doch Damrau, die Nikolaus Bachler seit 2006 kennt, beschreibt auch die künstlerischen Herausforderungen: Bachler, der seine Karriere ja selbst als Schauspieler begonnen hatte, stellte sich nicht mit einem singenden Star zufrieden.

"Zu wissen, dass er selber Schauspieler war und aus dieser Ecke kommt und großes Augenmerk auf das Schauspiel in der Oper legt, da strengt man sich schon anders an", berichtet Damrau, "man möchte das dann auch richtig gut machen und die Figuren durchdenken." Was seine Ära schon kennzeichne, sei, dass das Theater beim Musiktheater eine große Rolle spiele und "dass man als Sänger mit den Regisseuren, die er engagiert, was zu knabbern kriegt". Damrau hat unter Bachler neun Rollen gesungen, darunter auch Gaetano Donizettis Lucia di Lammermoor. "Bei der Lucia, da mussten wir uns richtig zusammenraufen", sagt sie. Doch genau diese Art der Auseinandersetzung schätze sie auch. "Das ist nicht nur: mach mal. Da hat Nikolaus Bachler eine eigene Handschrift."

© SZ vom 24.06.2021
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