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Historie:Auf Wachstumskurs

Charme der Vergangenheit: Seminarraum mit Aschenbechern.

(Foto: APB)

Die Akademie für Politische Bildung muss mit ihren Themen immer wieder auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren - inzwischen bietet sie Tagungen in ganz Bayern an

Der Münchner Amoklauf versetzt am 22. Juli 2016 eine Millionenstadt in den vorübergehenden Ausnahmezustand. Twitter, Facebook und vor allem Whatsapp schaffen eine brisante Nachrichtensituation, der Polizei und Medien kaum noch Herr werden können. Leben wir in einer "hysterischen Mediengesellschaft", in der soziale Netzwerke als virtuelle Brandbeschleuniger wirkten? Oder war es gar Panik, die zu einer "Desorientierung durch Angst" führte? Mehr als 60 Menschen sitzen im Saal eines Hotels in Bayreuth und diskutieren mit Martin Da Gloria Martins, dem Pressesprecher des Münchner Polizeipräsidiums, und mit Journalisten, die in der Amoknacht im Einsatz waren. Lehrer sind im Saal, Medienvertreter, auch Polizisten. Veranstalter der Tagung ist die in Tutzing beheimatete Akademie für Politische Bildung. Viel ist an diesem Tag von Medienkompetenz die Rede. Auch die gehört zur politischen Bildung. "Was bedeutet dieser neue Strukturwandel von Öffentlichkeit nun für die Demokratie und politische Kommunikation?" fragt Tagungsleiter Michael Schröder. "Und wie verändert sich private Kommunikation, wenn sie immer öffentlicher und damit politischer wird?" Die Akademie selbst ist Teil dieser öffentlichen Kommunikation, ist auf Twitter, Facebook, Youtube, Flickr, Instagram und Storify aktiv.

In den sechzig Jahren ihres Bestehens hat die Akademie immer neu auf gesellschaftliche Entwicklung reagieren müssen. Sie ist dabei in die Breite gegangen - inhaltlich, aber auch ganz wortwörtlich geografisch. Eine Tagung in Bayreuth ist längst keine Besonderheit mehr. Etwa jede achte Veranstaltung findet nach Angaben des Organisationsreferenten Manfred Schwarzmeier nicht in Tutzing, sondern in den bayerischen Regierungsbezirken statt - zuweilen auch in anderen Bundesländern oder gar im europäischen Ausland. 2015 beispielsweise führte die Akademie 26 Außenveranstaltungen durch: vier in Mittelfranken, jeweils drei in Oberfranken, Unterfranken und Niederbayern sowie eine in Schwaben. Die meisten dieser Außenveranstaltungen gab es jedoch in Oberbayern. "So erreichte die Akademie außerhalb Tutzings insgesamt 2700 Teilnehmer - fast doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren", bilanziert Schwarzmeier.

Das Gros ihrer politischen Bildungsarbeit leistet die Akademie aber immer noch in der idyllisch am Starnberger See gelegenen, 150 Jahre alten Villa Buchensee mit dem Hörsaalgebäude und den Pavillons, im 1973/74 erbauten Gästehaus und im 2011 eingeweihten Auditorium mit dem Heinrich-Oberreuter-Hörsaal. Ein Großteil der bisher veranstalteten 5500 Tagungen fand dort statt.

Die Geschichte der Akademie beginnt zwei Jahre vor dem jetzt gefeierten Gründungstag. Bei zwei Treffen des "Grünwalder Arbeitskreises" empfehlen im Jahr 1955 Wissenschaftler, Pädagogen, Politiker und Beamte die Gründung einer Akademie für Politische Bildung. Das entsprechende Gesetz - beschlossen von der sogenannten Viererkoalition unter Leitung der SPD, zunächst gegen den Widerstand der CSU - tritt im April 1957 in Kraft. Eineinhalb Jahre später beginnt die öffentliche Arbeit, auf Gründungsdirektor Felix Messerschmid folgt 1970 Manfred Hättich.

Im Jahr 1993 wird Heinrich Oberreuter Akademiedirektor. Er muss Anfang 2004 die drohende "Funktions- und Bestandsgefährdung der Akademie" abwenden. Das Kultusministerium hatte Etatkürzungen von 30 Prozent geplant. Erst ein Nachtragshaushalt kann das Aus verhindern - und Oberreuter sich freuen: "Die Staatsregierung ist einsichtig gewesen.

Seit 2011 leitet Ursula Münch die Einrichtung. Die Statistik zeigt, wie rasant sich das Tutzinger Angebot mit dem Bau des neuen Hörsaals entwickelt hat. Zwischen 2007 und 2010 bewegte sich die Zahl aller Veranstaltungen zwischen 108 und 120. Im Jahr 2011 konnten bereits 138 Veranstaltungen durchgeführt werden, teils schon im neuen Auditorium. Der Trend setzte sich fort: 156 Tagungen in den Jahren 2012 und 2013, 168 im Jahr 2014, 165 im Jahr 2015. 2016 gilt als das bisherige Rekordjahr mit insgesamt 184 Veranstaltungen.

Auch die Teilnehmerzahlen sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen, der Höchststand lag im vergangenen Jahr bei 9900 Gästen. Insgesamt besuchten in den vergangenen 60 Jahren rund 230 000 Gäste Veranstaltungen der Akademie.

© SZ vom 31.05.2017
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