bedeckt München

Himmlische Aussichten SZ-Serie, Folge 10:Auf in den Kampf

Björn Bicker kann München und seine Eigenheiten gut in Relation zu all den anderen Städten setzen, in denen er gearbeitet hat.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Autor und Dramaturg Björn Bicker hat an den Kammerspielen noch unter Frank Baumbauer neue Maßstäbe gesetzt. Für die Zukunft einer toleranten und diversen Stadtgesellschaft sieht er viel Potenzial. Jetzt braucht es nur noch Mut

Von Egbert Tholl

Verloren ist noch gar nichts. "München hat Potenzial!" Ist doch auch mal schön, wenn das jemand sagt, bei aller Skepsis, aber mit guter Laune. Und dann ist das noch jemand, der, als er vor 20 Jahren hierher kam, die Stadt erkundete wie wenige Theaterleute vor ihm. Björn Bicker war die gesamte Baumbauer-Zeit über Dramaturg an den Münchner Kammerspielen und war dort Miterfinder von "Bunnyhill" und von Nachfolge-Projekten, die schließlich in der "Hauptschule der Freiheit" kulminierten. Seit 2009 arbeitet er als freier Autor und europaweit als Projektentwickler; nie hat er dabei aus dem Blick verloren, womit dank seiner die Kammerspiele zu einem oft kopierten Modellfall fürs Stadttheater wurden: Man kann die Vielfalt einer Stadt ins Theater kriegen; wenn das nicht klappt, geht das Theater halt dorthin, wo die Vielfalt ist.

Bicker glaubt "extrem an die Kraft künstlerischen Tuns", die sich für ihn in einem manifestiert: in der "Kunst der Begegnung", in der Inszenierung einer Begegnung. Da hakt es momentan natürlich, aber da sagt er auch, man solle doch bitte die tolle Erfahrung des Lockdowns ernst nehmen, das Aussetzen dieses "Konkurrenz-geschwängerten Bewusstseins" im Kampf um jeden Parkplatz oder um was auch immer. Er will keineswegs das Virus, die Angst, die Krankheit herunterspielen, aber wie bei vielen keimte damals in ihm eine Utopie. Kurz. Jetzt herrsche wieder das Gefühl vor, alles solle so sein wie vorher.

Aber andere Utopien bleiben, müssen bleiben. Bicker erfand für München und die Ruhrtriennale die "Urban Prayers", Begegnungsinszenierungen mit dem konfessionell vermeintlich Fremden. Die keine Einmaligkeit geblieben sein müssen: "München hat irrsinnige Kirchen, eine super Synagoge - wieso nicht auch eine große Moschee innerhalb des Altstadtrings? Dann wäre für Bicker "Nathan City" komplett - tolerantes Nebeneinander der monotheistischen Religionen, architektonisch manifestiert, am besten mit einem Bau, der nicht so "pisselig in der Ecke rumsteht" wie etwa das kommende, zu erwartende Konzerthaus. "Traut euch was!" Traut euch was wie den Olympiapark, damals: "Wow, das ist die Zukunft von gestern und immer noch großartig."

Konzerthaus ist ein Stichwort. Was nütze es, wieder nur High-End für die "happy few" zu entwerfen? Nein, High-End für alle. Bicker denkt Kulturinstitutionen nicht als geschlossene Einrichtungen, auch durch einen Konzertsaal müssten verschiedene Traditionen, Stile, Menschen hindurchfluten. "Man will doch den Bürgern gar nichts wegnehmen, man muss einfach etwas dazutun." Die Diversität einer Stadtgesellschaft im kulturellen Leben abbilden. München sei ja viel diverser, als man glauben möge. Klar, da gibt es diese Selbstgefälligkeit, die sich wie Mehltau über manches legen kann. Aber es gibt eben auch Orte wie das Köşk, es gibt das Bellevue di Monaco, es gibt viele Beispiele, die man zum Gesicht der Stadt machen könnte.

Der Friedensengel schwebt über den Münchnern - auch morgen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Das Potenzial. "Das, was man 2015 hier mit den ankommenden Flüchtlingen erlebt hat, das hätte man in keiner anderen deutschen Stadt erleben wollen." Es gibt ja das offene, neugierige, warmherzige München. "Die Leute gehen hier mehr mit, als man denkt." Hier gingen halt 40 000 auf den Königsplatz, um gegen die Enge der CSU-Politik zu demonstrieren und haben damit Erfolg. Jede Wandlung, die man braucht, brauche nur etwas Vermittlung. Vermittlung und Begegnung. Schöpfe man das Potenzial der Stadt aus, der es extrem gut gehe, zapfe man ihre potenzielle Großzügigkeit an, dann könne München, so Bicker, zu einer Vorbildstadt werden.

Natürlich, die Stadt werde immer voller, die Leute sind immer gestresster, alles wird immer teurer, also auch homogener und langweiliger. Aber dagegen könne man was tun. Bicker ist sehr weit von jeglicher Resignation entfernt, und hat inzwischen in so vielen, sehr unterschiedlichen Städten gearbeitet, dass er München und seine spezifischen Eigenheiten sehr gut ins Verhältnis setzen kann. Er gibt schon zu, dass man hier unweigerlich zu so etwas wie einem Lokalpatrioten werde. Aber der Lokalpatriot Bicker, wenn er denn solche Anflüge hat, weiß, wie es woanders zugeht. Und es stimmt ja: Wenn nicht eine funktionierende Stadt wie München offen, divers und tolerant ist, wenn nicht eine Stadt wie München dies alles zum Programm erhebt, wer soll es denn dann tun? Eben. Traut euch was.

Zukunftsfragen an Björn Bicker

Sie stehen am Friedensengel in fünf Jahren und überblicken die Stadt. Was sehen Sie?

Alles scheint aus den Nähten zu platzen ... Wenn ich näher ran zoome, dann sehe ich die gehetzten, erschöpften Gesichter von Menschen, die unentwegt miteinander konkurrieren um Kita-Plätze, Schwimmbadtickets, Schulen, Wohnungen, Parkplätze, Jobs, Partner*innen, Kredite, beim Joggen, beim Shoppen, beim Autofahren ... ich blicke auf die erschöpfte Stadt.

Wie klingt für Sie die Zukunft?

Ich wünschte, sie klänge ein bisschen wie "Das Lied vom Ende des Kapitalismus" von Peter Licht. In vielen verschiedenen Sprachen und Melodien gleichzeitig. Wir stellen uns das völlig Unvorstellbare vor. Ausbeutung, Rassismus, Leistungsdruck, Ungerechtigkeit. Es ist vorbei, endlich ist es vorbei. Wir müssen nicht mehr die Schönsten, die Besten, die Schnellsten, die Reichsten sein. Ich höre überall das erleichterte Aufatmen der Menschen. Es ist vorbei! Der Druck, die Konkurrenz, das Ausgrenzen, die Selbstoptimierung! Es ist vorbei! Dieses Ausatmen. So klingt der Traum von Zukunft. Wie dieses erleichterte Ausatmen ...

Wem sollte in dieser Stadt in fünf Jahren ein Denkmal gesetzt sein? Warum?

Das Denkmal ist ein fluides Monument, eine Art lebendiges Archiv, digital und analog, es ist eine vielsprachige Sammlung von Storys, Biografien und Ideen, die sich mit Begegnung und Togetherness beschäftigen. Ein wundervolles Antimuseum, das nichts und niemanden in eine Vitrine verbannt, sondern permanent Ressourcen (Geld, Ideen, Raum, Assistenz) zur Verfügung stellt, um Begegnungen zwischen Menschen zu inszenieren, die sich normalerweise nicht treffen würden. The Living Community Museum of Munich (LCM). Es würde die Schönheit der Begegnung und des Konflikts gefeiert, tagtäglich. Gewidmet wäre es allen, die nach Gemeinsamkeit suchen, nach Inklusion, Gerechtigkeit und gegenseitigem Verständnis. Also den knallharten Träumern unter uns.

In fünf Jahren kommt ein Hollywood-Film namens "Munich" ins Kino. Worum wird es darin gehen?

Es ist eine Art Dokufiction. Eine monumentale Dystopie ... Es geht um diesen riesigen Bluff: Es stellt sich heraus, dass nicht nur Wirecard, sondern das ganze System des Geldverdienens und Expandierens ein einziger Beschiss und Irrtum waren. Alles bricht zusammen. Chaotische Zustände. Und in dieser Stadt MUNICH, im Auge des Orkans, fangen ein paar Leute an, alles zu verändern, sie starten eine riesige Kampagne in ihrer Stadt, krempeln alles um. Sie sagen "Nein" und machen bei dem ganzen Blödsinn nicht mehr mit. Sie werden immer mehr ... Sie rufen eine neue Republik aus ... alles fängt gut an, andere Städte folgen ihrem Beispiel, aber man ahnt schon, wie es enden wird ...

Alle Teile der Serie finden Sie auf sz.de/himmlisch

© SZ vom 22.09.2020

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