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Herrsching:Mysteriöser Mord nach 18 Jahren aufgeklärt

Josef Enzesberger wurde 1996 vor seiner Haustür am Ammersee in Oberbayern erschossen. Das Verbrechen gab den Beamten eine Reihe von Rätseln auf. Jetzt ist klar: Der Täter wollte eigentlich jemand anderen umbringen.

Von Christian Deussing, Herrsching/München

Warum musste Josef Enzesberger aus Herrsching am Morgen des 8. Januar 1996 vor seiner Haustür sterben? Ein Unbekannter hatte mit einer Pistole viermal aus kurzer Entfernung auf den gehbehinderten Mann geschossen, eine Kugel traf den 52-Jährigen ins Herz. Der mysteriöse Mordfall, für den sich jahrelang keine konkreten Spuren und kein stichhaltiges Motiv fanden, ist jetzt wohl endlich aufgeklärt: Das Opfer wurde verwechselt und zwar mit dem damaligen Herrschinger Polizeichef E. - dessen Name dem des Opfers sehr ähnelt und der ohne Adresse über der Wohnanschrift Enzesbergers im Telefonbuch steht. Von dieser Verwechslung der Personen ist die Staatsanwaltschaft München II überzeugt.

Der mutmaßliche Mörder aus München, der psychisch krank sein soll, vertraute im vergangenen Jahr einem behandelnden Psychiater an, dass er vor längerer Zeit jemanden in Herrsching erschossen habe. Der Klinikarzt teilte dies der Münchner Polizei mit, die Vernehmungen übernahm danach die Kripo Fürstenfeldbruck. Die Schilderungen der Tatumstände seien sehr glaubhaft, sagte am Dienstag auf SZ-Anfrage ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Es gebe "keine vernünftigen Zweifel", dass der Mann die Tat vor 18 Jahren begangen habe. Der Geständige wurde deshalb schon im vergangenen Dezember per Unterbringungsbefehl in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Der Mordprozess gegen den heute 65-jährigen Mann soll vor dem Landgericht München II voraussichtlich im September beginnen.

Wie es heißt, war der Münchner wenige Tage vor dem Mord in der Herrschinger Polizeiwache gewesen, um mit dem damaligen Dienststellenleiter E. über einen "Vorfall" zu reden. Während des Gesprächs soll den Mann das Gefühl beschlichen haben, dass der Polizist ihn bedrohen oder ihm nach dem Leben trachten würde. Danach begann das eigentliche Drama: Einige Tage später fuhr der Arbeitslose zu der Adresse, die er im Telefonbuch gefunden hatte. Dort war er sich zunächst sicher, den Polizeichef angetroffen zu haben. Seinen tödlichen Irrtum habe der Täter sofort nach den Schüssen bemerkt, so die Staatsanwaltschaft.

Ein großes Risiko

Eine Nachbarin hatte damals in ihrer Waschküche gegen 8.50 Uhr kurz vor den Schüssen noch gehört, wie der Fremde sein Opfer recht freundlich angesprochen habe. Seitdem rätselte die Kriminalpolizei, ob der Mörder den Familienvater gekannt haben könnte. Merkwürdig war, dass der Täter das große Risiko eingegangen war, in einer Wohnsiedlung an einer viel befahrenen Straße den unbescholtenen Bürger zu erschießen. Die Fahnder befragten mehr als 1000 Personen, überprüften 54 Pistolenbesitzer und durchleuchteten das Leben des Opfers, ein gelernter Kfz-Mechaniker. Doch der verkehrte nicht in dubiosen Nachtlokalen, hatte weder Spielschulden noch Feinde oder heimliche Freundinnen.

Der Mann war zuletzt in der Bibliothek der Beamtenfachhochschule in Herrsching tätig gewesen. Die Ermittler konzentrierten sich vor allem auf sein Arbeitsumfeld. Es wurde spekuliert, ob dort etwas vorgefallen sei, was Enzesberger beobachtet haben könnte und was für ihn gefährlich geworden war. Der 52-Jährige, so hieß es, war auffällig schweigsam geworden und hatte in der Schule drei Wochen vor seinem Tod einen Kollaps erlitten. Es wurde vermutet, dass ihn etwas belastet hatte.

Der Fall war voller Ungereimtheiten, auch die Witwe geriet zeitweise in Verdacht. Darunter habe sie natürlich stark gelitten, erzählte Erika Enzesberger der SZ. Die 61-Jährige hatte stets um die Aufklärung des Verbrechens gekämpft. Das wurde unter anderem in der TV-Fahndungssendung "Aktenzeichen XY. . . ungelöst" gezeigt. Die Kripo hatte überdies gehofft, dass den Mörder eines Tages das Gewissen zu heftig plagen würde - so scheint es dann auch gekommen zu sein.

© SZ vom 30.04.2014/wolf
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