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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Auf Eulen achten

Herbert Nauderer, 1958 in Fürstenfeldbruck geboren, arbeitet als Künstler, Musiker und Lehrbeauftragter. Bekannt wurde er durch sein Projekt "Mausmannsland".

(Foto: Oscar Tepelmann)

Kultur-Lockdown, Tag 118: Der Künstler denkt über Schein und Sein nach

Gastbeitrag von Herbert Nauderer

Schon seit geraumer Zeit liegen bei uns einige DVDs auf Halde und warten darauf, endlich gesehen zu werden. Es wird "demokratisch" ausgewählt, und unsere Tochter hat sich für "Twin Peaks" aus dem Jahr 1990 entschieden.

"Die Eulen sind nicht, was sie scheinen." Ein immer wiederkehrender Satz in David Lynchs "Twin Peaks", eine Anspielung auf die Unsicherheit unserer Wahrnehmung. Dinge und Wesen, die scheinbar sind, wie sie sind, sind vielleicht doch ganz anders - seltsam passend zu unserer derzeitigen Situation.

Nachdem man seit Anfang letzten Jahres zunehmend mit immer fantastischeren, wirren und wahnsinnigen Verschwörungsmythen, Fake News und auch gefährlichen "alternativen Fakten" konfrontiert wird, habe ich nun das "Mausmannsland" verlassen und meine eigene kleine Verschwörungstheorie entwickelt. Eine umfassende Rauminstallation, bestehend aus "Beweisfotos", Zeichnungen, Filmen und Objekten, zu sehen von 18. April an in der Städtischen Galerie Rosenheim, unter dem Titel "Das Haus des Erfinders". Alles weitere dazu ist natürlich noch streng geheim.

Anfang 2020, als Covid über uns hereinbrach und alles lahmgelegt hat, war gerade unsere Ausstellung "Der düstere Tag" mit Duncan Swann und Martin Paulus im Künstlerhaus Marktoberdorf eröffnet. Eine Lesung mit Sepp Bierbichler konnte noch stattfinden, dann war dicht. Damals bin ich in eine vorübergehende Angststarre verfallen, vermutlich lag das am übermäßigen Genuss von Zombiefilmen und/oder an meinem ausgeprägten Hang zur Hypochondrie. Mittlerweile habe ich für mich das Beste aus der Situation herausgeholt, indem ich damit arbeite. Es kommen täglich neue Aspekte und "Steilvorlagen" dazu, daraus lässt sich aufs wunderbarste schöpfen.

Ich wohne mit meiner Frau und unserer Tochter auf dem Land in einem alten Bauernhof, damit befinden wir uns derzeit wohl in einer sehr privilegierten Situation. Für uns hat sich im Alltag außer dem "homeschooling" nicht viel verändert, zumal wir unseren Arbeits- und Lebensmittelpunkt auch vor der Pandemie schon zu Hause hatten. Trotzdem vermisse ich manches sehr:

Proben mit unserem Trio, mit Jost Hecker und Sebi Tramontana können seit langem nicht stattfinden, Konzerte wurden abgesagt. Es fehlt auch der lebendige Austausch mit Freunden, anderen Künstlern und meinen Schülerinnen, Schülern und Studierenden. Ich bin deshalb sehr froh und dankbar, in dieser Zeit nicht alleine zu leben.

Wie den meisten anderen vermutlich auch, fehlt mir natürlich der Kulturbetrieb, aber ich bin immer noch zuversichtlich, dass sich die Lage im Frühling entspannen wird. Vielleicht birgt die derzeitige Krise auch eine Chance für die Menschheit. Es wäre jetzt die Möglichkeit, Dinge zu verändern, die wir schon viel zu lange vor uns herschieben. Ich glaube, die Pandemie wird vorübergehen, wie auch schon Pest und Cholera. Eine weit größere Herausforderung für die Menschheit ist der Klimawandel.

Der Schlussmonolog der Log Lady bei Lynch endet mit: "one day this sadness will end".

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© SZ vom 27.02.2021
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