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Haftbefehl gegen U-Bahnschläger:Schockiert über die eigene Tat

Nachdem sich der U-Bahnschläger freiwillig der Polizei gestellt hat, wurde Haftbefehl gegen den 23-Jährigen wegen gefährlicher Körperverletzung erlassen.

Während der Wiesn gab es eine Reihe brutaler Schlägereien - doch die Tatsache, dass in diesem Fall die Gewalt auf dem Heimweg vom Oktoberfest in der U-Bahn eskalierte, verhilft dem mutmaßlichen Schläger Ophir W. zu trauriger Berühmtheit: Der 23-jährige Deutsch-Israeli hat bei der Polizei gestanden, am Sonntagabend im U-Bahnhof Giselastraße einen 43-jährigen Fernmeldemonteur aus München mit Fäusten und Tritten krankenhausreif geschlagen zu haben.

U-Bahnhof Giselastraße: Hier ereigneten sich am letzten Wochenende zwei brutale Angriffe. Am Samstag schlug ein noch Unbekannter einem 21-Jährigen eine Flasche auf den Kopf, das Opfer erlitt einen Schädelbruch. Am Sonntag prügelte ein 23-jähriger Azubi einen Münchner krankenhausreif.

(Foto: Foto: Robert Haas)

Er sei betrunken gewesen, erklärte der Auszubildende in seiner Vernehmung. Das Opfer erlitt mehrere Brüche und leide laut Polizei "unter sehr starken Schmerzen". Noch am Freitag erließ ein Richter Haftbefehl gegen den 23-Jährigen wegen gefährlicher Körperverletzung.

Als Ophir W. am Mittwochvormittag in seiner Schwabinger Wohnung den Computer hochfuhr und die neuesten Nachrichten aufrief, erfasste ihn blanke Panik: Er sah ein gestochen scharfes Fahndungsbild von sich selbst im Internet. Es zeigt den 23-Jährigen im weißen Hemd und mit offener Jacke, wie er am Sonntagabend den U-Bahnsteig Giselastraße entlanggeht. Er telefonierte sofort mit seinem Vater in Frankfurt, ließ sich abholen und nach Hause fahren. Dort beratschlagte er sich mit den Eltern. "Aufgrund des starken Fahndungsdruckes stellte sich der Mann schließlich am Donnerstag im Beisein seines Rechtsanwalts bei der Kripo in München", sagt Kriminalrätin Silvia Staller.

Täter ist der Polizei bekannt

Der 23-Jährige absolviert eine Ausbildung bei einer renommierten Immobilienfirma in Frankfurt am Main, die auch eine Dependance im Münchner Nobelviertel Bogenhausen hat. Dort wollte sich am gestrigen Freitag aber niemand äußern: "Wir sagen nichts", erklärte eine Mitarbeiterin. Ophir W. fühlte sich offenbar in München wohl: Denn er wollte nach der Ausbildung gleich in München bleiben, hatte sich bereits eine Wohnung in Schwabing gemietet. Die stellvertretende Leiterin des Kriminalfachdezernats für Gewaltdelikte schildert den angehenden Immobilienkaufmann als "reumütig". Man habe ihm das Video von der Tat vorgeführt, er sei schockiert gewesen und "kann sich selbst nicht erklären, warum er so ausgerastet ist".

Die Kontrolle hat der Azubi offenbar nicht zum ersten Mal verloren: An seinem Hauptwohnsitz in Frankfurt ist er mit Delikten wie Nötigung und Beleidigung in Erscheinung getreten, außerdem ermittelte die Polizei gegen ihn wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt.

Am vergangenen Sonntagabend, dem letzten Wiesntag, war Ophir W. zusammen mit Bekannten auf dem Oktoberfest. Er selbst behauptete später, er trinke generell wenig Alkohol, an diesem Abend aber habe er fünf oder sechs Maß Bier zu sich genommen. Ob das stimmt, müssen die Aussagen seiner Begleiter zeigen. "Auf dem Video von der Tatnacht bewegt er sich noch gut und er konnte sich auch an viele Details erinnern", sagt Kriminalhauptkommissar Bernhard Zeiler.

Heftiger Fausthieb

Auf dem Heimweg von der Wiesn, gegen 23 Uhr, zündete sich Ophir W. in der U-Bahn eine Zigarette an. "Mehrere Fahrgäste", so erzählt Silvia Staller, hätten ihn aufgefordert, die Zigarette auszumachen. Die Leute im Abteil hätten sich regelrecht solidarisiert gegen den 23-Jährigen und ihn dann an der nächsten Haltestelle aus dem Waggon geschoben.

Es war der Bahnhof Giselastraße, wo Ophir W. ohnehin aussteigen wollte. Einer der "Schieber" war der 43-jährige Fernmeldemonteur aus München. Auch er stieg an dieser Haltestelle aus und wurde vom 23-Jährigen bespuckt und beleidigt. Das wollte sich der 43-Jährige, der ebenfalls von der Wiesn kam und getrunken hatte, nicht gefallen lassen: Er setzte dem 23-Jährigen nach, um ihn zur Rede zu stellen.

Doch da rastete der Azubi aus: Aus der Drehung heraus verpasste er dem Opfer einen so heftigen Fausthieb, dass dieser zu Boden ging. Dann trat er gezielt gegen den Kopf des am Boden Liegenden und mehrmals gegen dessen Oberkörper. Ein bosnischer Kellner, der Zeuge der Szene wurde, ging dazwischen. Doch der 23-Jährige war nicht zu bremsen: Immer wieder wollte er auf den 43-Jährigen losgehen, schaffte es auch noch einmal, ihn zu treten und ging erst dann davon.

Zwischen sechs Monaten und zehn Jahren drohen

"Für eine Anklage wegen versuchter Tötung reichen momentan die Tatbestände nicht aus", sagt Oberstaatsanwalt Michael Müller. Juristisch gesehen sei man bei einer "gefährlichen Körperverletzung", zumal der "beschuhte Fuß als gefährliches Werkzeug" gewertet werden könne. Das Strafmaß, das bei gefährlicher Körperverletzung verhängt werden könne, bewege sich zwischen sechs Monaten und zehn Jahren.

Mehrere Hinweise hat die Polizei nun auch auf den zweiten U-Bahnschläger: Ebenfalls an der Giselastraße hatte ein Unbekannter einem 21-Jährigen eine Flasche auf den Kopf geschlagen, worauf das Opfer mit lebensgefährlichen Gehirnblutungen ins Krankenhaus kam. "In Tatortnähe wurde eine Flasche sichergestellt, die wir nun auf Spuren untersuchen", sagt Polizeisprecher Peter Reichl. Außerdem könne sich das Opfer gut an den Täter erinnern, sodass eine Lichtbildvorlage geplant sei. "Für den Täter", meint Reichl, sei es besser, "wenn er sich gleich stellt".