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Gut ausgedacht:"Der Autor selbst spiegelt einem, wer er ist"

Ein Kenner der Szene: Tom Werneck leitet das Spiele-Archiv Haar.

(Foto: Claus Schunk)

Gespräch mit Tom Werneck über Wesen und Wert von Spielen. Ihm ist zu verdanken, dass die Unesco jetzt Brettspiele zum immateriellen Kulturgut zählt

Interview von Anita Naujokat

Der studierte Rechtswissenschaftler Tom Werneck, Jahrgang 1939, ist Spiele-Experte und Buchautor. Er verfasste gut 40 Bücher, unter anderem den "Leitfaden für Spieleerfinder". Von 1979 bis 1983 und 1985 bis 2009 saß er in der "Spiel des Jahres"-Jury, die er mitbegründet und maßgeblich beeinflusst hat. Zuvor hat der Kenner der Szene selbst Spiele erfunden. Seit 1996 leitet er das Bayerische Spiele-Archiv Haar, das Gesellschaftsspiele und Spiele-Literatur sammelt und dokumentiert. Unter anderem auch auf sein Betreiben hin hat die Unesco im Dezember 2019 Brettspiele als gutes Beispiel zum Erhalt des immateriellen Kulturguts "Brettspiele spielen" aufgenommen. Die offizielle Verleihung findet im Oktober statt. Ein Gespräch über Wesen und Bedeutung von Spielen.

Herr Werneck, was macht ein gutes Spiel aus?

Tom Werneck: Die Freude, etwas zu entdecken, was sich andere ausgedacht haben und damit in eine Welt einzutauchen, die für den Erfinder wichtig ist. Und die lerne ich kennen. Das ist anregend, nützlich, wie ein gutes Buch oder gute Musik. Spielregeln sind wie Partituren, und die interpretiere ich auf meine Weise. Vielleicht hat sich der Autor etwas ganz anderes dabei gedacht. Doch wie spiele ich diese Partitur? Da liegt Entdeckerfreude drin. Eigentlich kann man da nur ganz subjektiv antworten, weil das Ganze eben subjektiv ist. Und Spiele sind ein Mittel, um etwas mit anderen Menschen zu machen.

Was halten Sie von Computerspielen?

Wir leben in einer Technowelt, die nur noch so funktionieren kann. Dann ist es auch selbstverständlich, dass in Computern gespielt wird. Man spielt immer mit dem, was vorhanden ist. Die Frage ist das Maß, aber Spiele zum Anfassen und am Computer schließen sich gegenseitig nicht aus.

Frauen sind in der Spieleerfinder-Branche eher selten. Woran liegt das?

Das ist sehr schwer zu sagen. Frauen sind ja nicht weniger kreativ als Männer. Aber das Interesse an Vermarktbarem ist bei ihnen offensichtlich nicht so stark. Frauen sind öfter an Ästhetik interessiert und bevorzugen weiche statt harte Konfliktthemen. Ich sehe das oft auf Messen. Dabei gibt es Spiele in allen Facetten und eine große Bandbreite bei Brettspielen. Weil Spiele alles abbilden, was im menschlichen Leben wichtig ist und ganze Zivilisationen darauf beruhen, dass Menschen spielerisch Dinge entdeckt haben. Denken Sie an das Öffnen von Nüssen der Steinzeitmenschen. Oder wenn es heißt: Lass' uns das Problem erst mal durchspielen. Das simulierten früher auch die Militärs mit ihren Sandkastenspielen. Heute passiert so etwas natürlich über Computer, aber durchgespielt werden Szenarien nach wie vor.

Gibt es typisch weibliche Spiele?

(Werneck lacht). Mir fällt da nix ein. Ich tue mir schon mit Vorurteilen schwer, wie ,Mädchen liebten Rosa, Jungs Blau'. Das ist dumm. Wenn's ans Spielen geht, spielen Frauen genauso gerne wie Männer. Aber es ist ein anderer Erlebnisprozess, sich selbst Spiele auszudenken, als eine Schachtel zu öffnen und ein fertiges Spiel vor sich zu haben. Der Autor selbst spiegelt einem, wer er ist, hat eine eigene, erkennbare Handschrift. Das ist wie bei einem Autor in der Literatur. Warum Frauen da weniger aktiv sind, weiß ich nicht.

Haben Sie ein Lieblingsspiel?

Ich spiele sehr gerne und sehr viel. Zum Beispiel Rummikub, eine Rommé-Variante, allerdings nicht mit Karten, sondern Steinchen. Auch das hat eine originelle Geschichte: Weil die Regierung in Rumänien auf die Idee gekommen war, die Steuer auf Spielkarten drastisch zu erhöhen, hat man die Zahlen eben auf Plättchen geschrieben.

© SZ vom 16.09.2020

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