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Gerichtsurteil:Meiserstraße wird umbenannt

Heiliger oder Antisemit? Nach einer erbitterten Debatte um die Vergangenheit von Landesbischof Hans Meiser heißt die Meiserstraße jetzt nach Katharina von Bora.

Seit Wochen verstauben die Schilder im Baureferat. Zehn Stück sind es, ganz neu und fein emailliert, darauf der Straßenname für ein kleines und doch heftig umkämpftes Stück München: Die zukünftige Katharina-von-Bora-Straße. Ab kommende Woche darf die Ehefrau des Reformators Martin Luther der Meiserstraße in Maxvorstadt endlich zu neuer Würde verhelfen. Jener Straße, die bislang nach einem ehemaligen und ziemlich umstrittenen Landesbischof benannt war: Hans Meiser.

Hatte gegen die Entnennung geklagt: Hans Christian Meiser.

(Foto: Foto: Rumpf)

Am Mittwoch entschied das Bayerische Verwaltungsgerichts München, die Unbenennung sei rechtmäßig. Im April diesen Jahres hatte ein Enkel des Geistlichen, Hans Christian Meiser, gegen diese geklagt. Er sah mit der Entscheidung des Münchner Stadtrats die "postmortale Menschenwürde" seines Großvaters verletzt. Richter Thomas Eidam hatte bereits in der mündlichen Verhandlung entgegnet, dies treffe nur zu, wenn der Betroffene "erniedrigt, verächtlich gemacht oder verspottet" werde. Seine Kammer habe nicht zu bewerten, ob Hans Meiser "ein guter oder ein weniger guter Mensch" gewesen sei.

Der Konflikt um das rechte Erinnern tobt in vielen deutschen Städten: Im Osten, tragen zahlreiche Straßen immer noch die Namen inzwischen umstrittener Helden des Sozialismus. Die Bundeswehr fand lange Zeit nichts daran, Kasernen nach den Generälen der Wehrmacht zu taufen. Und in München war es ausgerechnet ein Mann Gottes, der die Debatte über Jahre hinweg anheizte - an der Vergangenheit von Hans Meiser, zwischen 1933 und 1955 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, schieden sich die Geister.

Weil er einer der ganz wenigen Kirchenoberen war, der den Konflikt mit den Nazis nicht scheute, wurde er von seinen Kollegen wie ein Heiliger verehrt. Gleichzeitig war Meiser aber ein überzeugter Antisemit. Er hetzte gegen den "jüdischen Geist", der etwas "Zersetzendes, Ätzendes" habe. Zwar half Meiser jüdischen Verfolgten, aber meist nur getauften. Ein Eintreten gegen die Judenverfolgung insgesamt lehnte er ab. Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) hielt ihn daher als Namensgeber einer Münchner Straße für unwürdig.

Das Urteil des Gerichts begrüßte der OB nun. Die Stadt hat es jetzt eilig: Noch in dieser Woche sollen die Katharina-von-Bora-Schilder angebracht werden. Die Namensschilder der Meiserstraße bleiben vorerst ebenfalls hängen - allerdings mit einem roten Balken versehen. Gleichzeitig werden neue Hausnummern-Bescheide an die jeweiligen Eigentümer geschickt. Diese Vorgehensweise sei unabhängig davon, ob Enkel Meiser gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts Berufung einlege, teilte die Stadt mit.

Bis das Urteil endgültig rechtskräftig ist, können nämlich noch Jahre vergehen. OB Ude appelliert an den Kläger, das gerichtliche Votum zu akzeptieren. Im Streitfall wäre die Stadt gezwungen, in aller Öffentlichkeit die Gründe auszubreiten, die nach Ansicht der Stadtratsmehrheit für eine Umbenennung sprechen, drohte er. "Nach einer Beendigung des Rechtsstreits wäre es hingegen möglich, das differenzierte Bild von der Persönlichkeit des früheren evangelischen Landesbischofs mit allem Für und Wider darzustellen."