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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Gemeinsame Momente

Das Fastfood Theater ging 1991 aus einem Studienprojekt der Theaterwissenschaft an der LMU hervor. Karin Krug und Andreas Wolf leiten das Theater noch heute.

(Foto: Sigi Mueller)

Kultur-Lockdown, Tag 60: Die Chefs des Fastfood Theater suchen auch online nach dem Hier und Jetzt

Gastbeitrag von Karin Krug und Andreas Wolf

Wer den Moment fangen will, dem geht es so ähnlich wie mit einer glitschigen Seife: Immer wieder entwischt sie, wenn man sie festhalten will. Improvisationstheater ist so ein Versuch, den Moment festzuhalten und in Szene zu setzen. Und das gelang uns mit dem Fastfood Theater deshalb so gut, weil das Hier und Jetzt immer schön eingebettet war - im Strom einer ruhig und gleichmäßig verlaufenden Vergangenheit und in einer Zukunft, in der es immer so weitergeht, wie es ist: Eine Zukunft, die einfach ohne Brüche ist.

Doch dieses Jahr hat alles durcheinandergewirbelt: Die Vergangenheit ist abgeschnitten und die Zukunft ist nicht existent. Zu allen Zeiten haben Menschen Rituale der Wandlung gefunden, um mit den großen Fragen des Lebens umzugehen: vom Gottesdienst über Initiationen bis hin zum Theater. Unsere Kunst liegt darin, den Moment, den mitspielenden Partner und das Publikum so anzunehmen, wie sie sind, und aus diesen drei Parametern eine Performance zu kreieren. Wir kreieren für einen Moment eine Gemeinschaft, die im Miteinander funktioniert. Das Teilen dieses Moments ist unser politisches Statement.

Unsere Aufgabe bleibt, die glitschige Seife des Hier und Jetzt zu packen. Deshalb haben wir uns im ersten Lockdown aufgemacht, die neue Realität des Internets mit all seinen Nachteilen anzunehmen. Wir begannen in Videokonferenzen, den Moment mit geladenen Gästen in Improvisationstheatershows gemeinsam zu feiern und zu improvisieren. Oft erschaffen wir einen Freiraum, der uns gemeinsam lachen lässt. Dankbar nehmen wir die klatschenden Hände, die man uns auf dem Bildschirm gezeigt hat, entgegen. Auch wenn eine Online-Show nie eine Präsenzshow ersetzen kann, bildet sie in diesen bühnenfreien Zeiten unsere gemeinsame Brücke und unsere Hoffnung, auch in und als Gemeinschaft zu überleben. Dafür brauchen wir Sie als Publikum: Ohne Live-Publikum ist jede Live-Kultur tot. Gehen Sie weiter das Risiko ein, nicht zu wissen, was Sie erwartet. Das haben wir mit dem Fastfood Theater und der Kunst der Stunde zu unserer Aufgabe gemacht. Aber es betrifft jede Live-Kultur. Helfen Sie uns, diese wunderbaren Seifenblasen - die gemeinsamen Momente der Wandlung - zu bewahren.

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© SZ vom 31.12.2020
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