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SZ-Serie: "Bühne? Frei!":Ordnung im Chaos

Judith Milberg hat Kunstgeschichte studiert und als Kunst-Managerin gearbeitet, bevor sie 2003 anfing, sich als Künstlerin zu etablieren.

(Foto: Studio Judith Milberg)

Kultur-Lockdown, Tag 78: Die Malerin nutzt die ruhigen Zeiten, um sich von Überflüssigem zu trennen

Gastbeitrag von Judith Milberg

Ein merkwürdiger innerer Drang treibt mich, ich fühle mich fremdbestimmt. Ich renne gleichzeitig vor und hinter mir her. Kann nichts dagegen tun, bin mir selbst hilflos ausgeliefert. Innerhalb dieser kreisförmigen Bewegung, fange ich an aufzuräumen, versuche dem inneren Chaos eine äußere Ordnung entgegenzustellen, antworte den Ängsten und Sorgen mit ungebremstem Aktionismus.

Angefangen hat es mit meiner Bibliothek. Jedes einzelne Buch habe ich in die Hand genommen. Jedes! Entscheidungen wurden getroffen: behalten oder wegwerfen. Dieser Vorgang hat mich in meine Vergangenheit katapultiert, in mein reiches Leben. Verbinde ich das Buch mit bestimmten Erlebnissen oder nicht? Gab es Emotionen? Ja oder nein? Bei 'nein', gab es kein Zurück ins Regal. Die Bücherregale haben also wieder Luft. Und auch mein Kleiderschrank enthält nur noch drei und nicht mehr dreißig weiße T-Shirts. Verrückt, was sich alles so angesammelt hat. Mein Plan: gnadenlose Konzentration auf das Wesentliche. Aber was ist das Wesentliche? Und dann, angesichts all dieser Entscheidungen, die anstrengende Frage: Wer bin ich eigentlich? Wer möchte ich sein?

Den Keller habe ich übrigens obsessiv ausgemistet oder anders gesagt: entmüllt. Fünf schwer beladene Fuhren zum Wertstoffhof. Jetzt könnte ich barfuß, ohne auf einen einzigen Krümel zu treten, darin umherwandeln. Apropos Wertstoffhof, der ist zu meinem neuen sozialen und kulturellen Zentrum geworden. Die flüchtigen Begegnungen mit anderen Wegwerfern bilden die Höhepunkte meiner Tage. Es geht so weit, dass ich die hauseigene Papiertonne entleere, um den Inhalt in den Wertstoffhof-Container für Kartonagen zu befördern.

Mein Atelier wurde ebenfalls sortiert, archiviert, fotografiert und geputzt. Penible Ordnung und klinische Sauberkeit, man könnte dort problemlos Operationen durchführen. Der Büroteil: Akten und Ordner aus 20 Jahren, weggeworfen.

Fast vergessen: Die Küchenschränke. Streng am Verfallsdatum entlang gearbeitet, gesäubert und geordnet.

Den Ehemann: behalten.

Für mich als Malerin ist das, was ich nicht sehen kann, und das, was ich mir nicht vorstellen kann, die Triebkraft meines Schaffens. Wenn ich arbeite, bin ich mittendrin, es ist immer jetzt. Unmittelbar und unberechenbar und dennoch präzise im Detail. Dabei bin ich ein winziger Teil des großen Ganzen. Mir geht es um Wechselwirkungen, um matt oder glänzend, transparent oder opak, fließend oder trocken, hell oder dunkel. Um unsichtbar klein und unvorstellbar groß.

Etwas, das mit dem bloßen Auge nicht sichtbar ist, nicht erkennbar, winzig wie das Virus selbst. Dieses mikroskopisch kleine Detail bestimmt heute unsere gesamte Welt. Gewaltig! Noch nie da gewesen und in seinen Auswirkungen unvorstellbar groß! Es dringt in alle Bereiche unseres Lebens, und wir, die wir jetzt sind, erleben so etwas zum ersten Mal. Wir fühlen gemeinsam, wir haben Angst, fühlen Stillstand, räumen auf und können es nicht fassen. Hat das Virus eigentlich eine Farbe? Ich stelle es mir schimmernd violett, leicht transparent mit matt taubenblauen Schlieren vor.

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© SZ vom 18.01.2021
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