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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Debatten in sicheren Räumen

Helene Schmitt

Helene Schmitt ist Schauspielerin und Puppenspielerin an der Schauburg. Zuletzt wurde sie im Oktober selbst zur Marionette in dem Theaterstück "Im Apfelwald".

(Foto: Fabian Frinzel)

Kultur-Lockdown, Tag 32: Die Schauspielerin schreibt über ihre Hoffnung, bald wieder vor jungen Menschen aufzutreten

Gastbeitrag von Helene Schmitt

Mit Schauburg assoziiere ich lebhafte Schulklassen, coole Oberstufen-Schüler, quietschende Kindergartenkinder und Familien, die einen besonderen Ausflug unternehmen. Nach den Vorstellungen gibt es sehr oft anregende Nachgespräche. Denn im Theater bieten wir unserem Publikum einen geschützten, öffentlichen Raum, außerhalb von Schule, Familie oder den sozialen Medien, in dem Debatten stattfinden. Diesen Raum tagtäglich für das junge Publikum zu öffnen und zu verteidigen, sehe ich als unseren Anteil im Gestalten der Demokratie. Ich habe das immer als Selbstverständlichkeit angesehen.

Als unsere Intendantin Andrea Gronemeyer uns im März mitteilte, dass alle öffentlichen Einrichtungen schließen müssten, fühlte ich mich bodenlos, nichts war mehr selbstverständlich. Aber okay, dann geht man eben damit um. Ich ging davon aus, dass nach ein paar Wochen des Ausharrens Corona vorbei sei. Es stellten sich ganz neue Aufgaben: kleine Videos für die Social-Media-Kanäle der Schauburg, Online-Inszenierungen. Das Aufatmen kam dann im Juni. Endlich wieder spielen, endlich wieder proben! Die Theater in München öffneten mit sorgfältigen Hygienekonzepten und Umstrukturierungen wieder ihre Türen, zwar für eine kleinere Zuschauergruppe, aber wir waren happy. Trotz Maskenpflicht im Gebäude, umgeklappten Stuhlreihen und durchorganisiertem Einlass konnte Corona für ein paar Stunden aus den Gedanken verschwinden.

Die neue Schließung traf mich dann wie ein Schlag. Gerade in den letzten Monaten war jeder Theaterbesuch - auch als Zuschauerin - ein ganz besonderes Ereignis. Diese Besuche sind nicht einfach "Fun", keine Freizeitbeschäftigung. Theater ist kulturelle Bildung, eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Lebensrealitäten. Auch wenn der Sekt und die Unterhaltung danach im Foyer ausbleiben: Der Austausch über das Erlebte findet weiter statt. Dieser Austausch ist ganz besonders im Theater für junges Publikum relevant.

Andrea Gronemeyers Haltung ist klar: "Ich bin zutiefst überzeugt, dass Kinder und Jugendliche gerade in dieser schwierigen Zeit Hoffnung, Kreativität und Freude brauchen, also die Qualitäten, die sie durch die Künste erfahren. Und dass es besser ist, sie begeben sich zur sozialen und kulturellen Interaktion in sichere Räume wie unsere, als sie davon auszuschließen oder sie ins Ungeschützte zu treiben." Unsere Aufgabe als Schauburg ist es, Theater für Kinder und Jugendlichen zu machen. Hoffen wir, dass wir die Türen dieses wichtigen Orts der Begegnung und Auseinandersetzung bald wieder öffnen können. Wenn alles unsicher erscheint, sind wir für das Publikum da, auch für die Kleinsten.

Alle Folgen der Serie auf sz.de/kultur-lockdown

© SZ vom 03.12.2020
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