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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Kometenschweif und Sojafleisch

VKKO

Noch im Kompositionsstudium gründeten Claas Krause (rechts) und Christopher Verworner das VKKO. Das Kammerorchester spielt eine Mischung aus Neuer Musik, Klassik, Jazz und Pop.

(Foto: TJ Krebs)

Kultur-Lockdown, Tag 64: Der Komponist und Dirigent bereitet sich auf das Schlimmste vor

Gastbeitrag von Claas Krause

Die große Katastrophe, der Blick zum alles auslöschenden Kometen. War da nicht auch ein kollektives Gefühl, eine Art Weltentrauer, die wirklich - sorry für den Speziezismus - von allen Menschen gefühlt worden ist?

So betrachtet, vielleicht doch eher aus dem Elfenbeinturm der privilegierten, subventionierten Kunst heraus. Denkt man an die tiefgreifenden Veränderungen zum Schlechteren, welche die Covid 19-Krise ausgelöst hat in Ländern der sogenannten dritten Welt (dieser vermeintlich herablassende Begriff ist fortschrittlicher als gedacht: geprägt in den 1950er Jahren vom französischen antikolonialen Theoretiker Frantz Fanon). Aber auch in den Punkten Diskriminierung, der ungleichen Auswirkungen im Hinblick auf soziale Stratifikation (wie etwa nicht zuletzt in den USA), der häuslichen Gewalt.

Als Komponisten, Dirigenten und Performer leiten Christopher Verworner und ich das Verworner-Krause-Kammerorchester, das VKKO, mit welchem wir die Grenzen zwischen orchestraler Tradition und popkulturellem Jetzt ausloten.

Textlich beschäftigt das sich das VKKO viel mit dystopischen Szenarien. Die Vulkanlawine ist gerne mal unsere Gedankentapete. Nicht aus wollüstigem Nihilismus heraus, sondern aus stoischer Antizipation; einer Vorbereitung auf das Schlimmste.

Christopher und ich lieben die Arbeit im Traum, das Erschaffen von Welten. Wie in der Kindheit. Einfach alleine auf einem günstigen Post-DDR-Teppich mit mannigfaltig befarbten Bausteinen, so viel Zeit und Selbstgesprächen.

So gesehen war der erste Lockdown im März durchaus auch eine große Möglichkeit. Endlich Zeit, um sich mit Roboterethik und veganem Krustenbraten auseinanderzusetzen; den Velociraptor der nächsten Kompositions-Deadline immer auf der eigenen Schulter des Fegefeuers; wiederum grinsend mit fahlem Blick.

Doch die Ungewissheit der Konzertlage macht planende Geister geradezu verrückt. Und darum erging es einem manchmal wie an diesem spannenden Punkt, wenn auf einer intensiven Party ein kleines bisschen Mobiliar anfängt kaputt zu gehen. Sei es ein Fetzen Papier aus einer Deckenlampe, ein Stückchen Holz eines Tisches: Und in einer gebrüllartigen Draupner-Wave entspinnt sich ein kollektiver positivistischer Destruktions-Rausch, welcher sich anfühlt wie das Austreiben der Dämonen vom letzten Jahr. Quasi die Physis-gewordene Transliteration der zur Omni-Brand gewordenen Abkürzung WTF.

Sicher werden die wahren Herausforderungen für die Kunst erst zeitversetzt, nach einer gewissen ersten Überwindung der Krise einsetzen (wie auch von Moritz Eggert so treffend formuliert); wenn Kommunen und Bund sich fragen (müssen?), wie viel Kultur wirklich wert ist. Es bleibt zu hoffen, dass aus der Krise die wirkliche, aufrichtige und tiefstarke Notwendigkeit Kunst zu produzieren und zu rezipieren ganz deutlich hervorgeht.

Dass eben dieser hochviolett glühende Komet übrig bleibt.

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© SZ vom 04.01.2021
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