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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Frischer Wind in den Segeln

Christian Rappel ist Singer Songwriter und steht unter dem Namen Saguru auf der Bühne. Zudem arbeitet er bei einer Musik-PR-Agentur.

(Foto: Christian Pham)

Kultur-Lockdown, Tag 80: Der Singer-Songwriter hat 2020 gelernt, welche Musik er wirklich machen will

Gastbeitrag von Christian Rappel

"Was willst du mal werden, wenn du groß bist?" - Für mich war die Antwort immer klar: Musiker sein und von der Musik leben können. Niemals hätte ich mir vorgestellt, einmal froh darüber zu sein, gerade nicht von der Musik abhängig sein zu "müssen". Vielleicht sind Pläne generell überbewertet? Was ist heutzutage schon noch planbar?

"Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige." Das Seneca-Zitat ist eines, das ich mir früher sehr zu Herzen genommen habe. Es fühlte sich lange so an, als ob 2020 nicht nur die Segel zerstört, sondern vor allem auch die Häfen überschwemmt wurden. Mich hat es mit voller Wucht aus der Fahrt in Richtung meiner Ziele geworfen. Alles begann mit dem Abend, an dem ich als Vorband einer meiner Lieblingsbands auf der Bühne gestanden hätte: am 13. März 2020. Der Tag mit dem bis dahin größten Erfolg meines musikalischen Werdegangs ging stattdessen als einer der ersten Tage des ersten Lockdowns in die Geschichte meines Lebens ein. Mit Konzertabsage für Konzertabsage schien sich dieses Gefühl immer mehr zu bestätigen: "Jetzt machst du seit elf Jahren Musik, und in dem Moment, wo es Fahrt aufnimmt, wird alles abgesagt." Mit etwas mehr Weitsicht wurde mir klar, dass mir die Situation lediglich den Wind aus den Segeln genommen hat. Es wurde Zeit, um mich neu zu justieren und wieder zu mir selbst zu finden. Also habe ich das gemacht was ich immer tue: mich an meine Gitarre gesetzt und angefangen zu komponieren.

Es mag naiv klingen, aber der Start in das Jahr 2021 hat mich mit einer wahnsinnigen Euphorie erfüllt. Man muss die Situation immer so nehmen, wie sie gerade kommt. Denn vielleicht passiert doch alles aus einem bestimmten Grund. Ich will hier kein ewiges Kalendersprüche-Aufzählen oder "Ach vielleicht ist es auch mal schön, dass alles mal ein bisschen langsamer voran geht"-Gefasel von mir geben, aber ich muss sagen, dass sich für mich alles zum Besten gewandt hat: Ich bin gesegnet von einem unglaublich tollen Umfeld an Leuten, auf die ich mich verlassen kann, und habe einen tollen Job im Musikkosmos gefunden, der mir viel Freude macht und mich erfüllt. Musikalisch konnte ich für mich persönlich die nächste Stufe erreichen. Unabhängig davon, ob es irgendjemand jemals hören möchte, kann ich mir meine Demoaufnahmen mit einem Lächeln anhören und sagen: Das ist genau die Musik, die ich machen will.

Ich empfinde das als unglaubliches Privileg, und dieses Gefühl ist genau das, was mich schon immer angetrieben hat weiter zu machen.

"The Future is not what it used to be" (aus "Black Gold" von Foals) - und sie ist es noch nie gewesen.

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© SZ vom 20.01.2021
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