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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Frommer Wunsch

Die Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender, 1939 in Berlin geboren, hat in ihrer internationalen Karriere alle großen Partien gesungen. 2019 erschienen ihre Memoiren .

(Foto: Marc Gilsdorf)

Kultur-Lockdown, Tag 26: Die Mezzosopranistin schreibt an ihr Publikum. Für sie ist Kultur ein Lebensmittel

Gastbeitrag von Brigitte Fassbaender

Es ist noch gar nicht so lange her, auch wenn es im vorigen Jahrhundert war, da gab es schon einmal eine Pandemie - der Virus des Grauens und des Krieges hatte sich weltweit eingenistet, zerstörte die Umwelt und tötete Menschen in noch weit höherem Maße, als es jetzt der Fall ist. Der Unterschied im Umgang mit der Seuche damals und heute könnte in einem eklatanten Fall größer nicht sein.

Die Kultur war damals so etwas wie ein Rettungsanker. Als die Seuche überstanden war und das Leben sich aus den Ruinen erhob, da war die Kultur das, was den Menschen Hoffnung gab, sie aufbaute und stärkte, um dem Überleben Sinn und Ziel zu geben. Der Hunger nach Kultur war genauso stark, wie der Hunger nach dem täglichen Brot. Aus den zerstörten Kulturstätten, Opernhäusern und Konzertsälen wich man aus in Notquartiere, machte wieder Musik und spielte Theater, so schnell es ging. Und die Menschen, die Entbehrungen gewöhnt waren, kamen und lauschten und genossen unter den schwierigsten Umständen eines eiskalten Nachkriegswinters und empfanden die Kultur als unverzichtbares Lebensmittel; ein Lebensmittel für die Seele und den Geist, das genauso wichtig war für den Wiederaufbau der Normalität, wie die Wirtschaft und alle Errungenschaften, die das Leben allmählich wieder bequem und sicher machten.

Heute haben wir wieder einen Krieg zu überstehen, den Krieg gegen ein todbringendes Virus, das weltweit Leben zerstört und den Menschen große Einschränkungen in ihrer Lebensführung abverlangt, um der erneuten Pandemie Herr zu werden. Und was im Gegensatz zu damals vielleicht am meisten unter diesen Einschränkungen zu leiden hat, ist die Kultur! Sie ist kein Lebensmittel mehr, das Trost und Hoffnung gestattet. Wir sind zu satt, zu ignorant, zu selbstbezogen und zu oberflächlich geworden. Nur mühsam erkämpfen sich die Kulturschaffenden einen Platz in der Gesellschaft, verschaffen sich Gehör und die Berechtigung für ihre Berufsausübung.

Die Theater, die Konzertsäle sind geschlossen, ein Probenbetrieb darf zwar stattfinden, aber die Zukunft aller Bemühungen ist ungewiss. All die Künstler, die nicht durch feste Verträge mit künstlerischen Institutionen abgesichert sind, haben alles verloren, was ihnen Hoffnung und Existenz durch ihre Kunst versprach. Und sollte in absehbarer Zukunft wieder Normalität in den Alltag einziehen und die Beschränkungen abgebaut werden können, wird es keinen Run auf die Kultur und ihre Ereignisse geben. Viele werden sich eingerichtet haben in der scheinbar kulturlosen Zeit. Ich wünschte, wir würden eines Besseren belehrt.

Wir alle wissen, dass die Gesundheit das höchste Gut des Menschen ist. Aber gleich danach kommt die Kultur, kommen Musik, Literatur und Malerei, kommen Theater, Galerien und Museen, kommt das Lebensmittel, das für uns alle unverzichtbar sein sollte. Möge die Missachtung mit der Pandemie ein Ende haben.

Alle Folgen der Serie auf sz.de/kultur-lockdown

© SZ vom 27.11.2020
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