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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Künstlerische Nahrungsquelle

Anja Lechner

Die Cellistin Anja Lechner war Gründungsmitglied des Rosamunde Quartetts, war aber immer auch im Grenzbereich von notierter und improvisierter Musik zu Hause.

(Foto: Nanni Schiffl-Deiler/ECM)

Kultur-Lockdown, Tag 67: Der Cellistin fehlt beim Musizieren ihr Gegenüber

Gastbeitrag von Anja Lechner

Wir Musiker brauchen ein Gegenüber, die Zuhörer und das gemeinsame Musizieren mit anderen Musikern. Beim ersten Lockdown bin ich in ein tiefes Loch gefallen, obwohl ich eigentlich ein sehr flexibler Mensch bin, der immer versucht, die jeweilige Situation erst mal anzunehmen, um dann nach einer kreativen Antwort darauf zu suchen. Das ist mir bislang noch nicht gelungen und ich habe wohl vorausgeahnt, was da auf uns zukommen würde. Diese neue Situation ist komplexer als alles, was ich bisher erlebt habe, und es wird länger dauern, bis ich imstande sein werde, etwas sinnvolles Neues daraus entstehen zu lassen. Manchmal bekommen Worte im Nachhinein eine andere, zusätzliche Bedeutung, als man ursprünglich für sie im Sinn hatte.

Vor etwas mehr als einem Jahr haben der französische Pianist François Couturier und ich, nach drei Jahren des gemeinsamen Suchens, im Bremer Sendesaal endlich wieder neue Musik eingespielt. Eines der Stücke, "Lontano", wurde dann zum Titel unseres neuen Albums. Es bedeutet "In der Ferne" und wird in der Musik verwendet: dann, wenn es so klingen soll, als spiele der Musiker weit vom Hörer entfernt oder außerhalb des Raums. Im Oktober 2020 ist "Lontano" bei ECM erschienen. Und spätestens im November, seit dem zweiten Lockdown, hat unser Titel eine andere Dimension bekommen. Das, was uns Musiker seit frühester Kindheit täglich begleitet und uns am nächsten ist, was uns erfüllt und wachsen lässt - die Musik -, ist auf unabsehbare Zeit in weite Ferne gerückt. Natürlich nicht in unseren Herzen, aber in der Realität und der öffentlichen Wahrnehmung durch einen Großteil der Gesellschaft. Musik ist an keinen Ort gebunden, aber es braucht den gemeinsamen Raum, um sie zum Klingen zu bringen. Musik verändert sich mit jedem einzelnen Zuhörer, mit jeder Akustik, mit jedem Moment.

Ich werde nie vergessen, wie sich unser Spiel, unsere Wahrnehmung schlagartig verändert hat, wenn bei unseren langen Proben mit dem Rosamunde Quartett ab und zu ein Kind aus Neugier in unseren Proberaum kam, um uns zuzuhören. Wie ich angefangen habe zu begreifen, woher die Sehnsucht in den alten argentinischen Tangos herkommt, nur weil ich zusammen mit Dino Saluzzi in Buenos Aires alte Aufnahmen gehört habe und seine Reaktion darauf erleben durfte. Oder wie sehr sich das eigene Hören, der Ausdruck einer musikalischen Phrase verändern, manchmal sogar ganz neue Stücke entstehen, wenn der Produzent Manfred Eicher während einer Aufnahme sein Zuhören vom Regieraum zu uns in den Saal verlegt.

Musik entsteht erst durch den Dialog. Ich habe fast mein ganzes Leben mit Musikern anderer Länder gearbeitet. Das Fremde, der spontane Austausch faszinieren mich und Grenzüberschreitungen sind meine künstlerische Nahrungsquelle. Das spiegelt sich auch in der Vielfalt des Programms wider, das wir für das Album aufgenommen haben und mit dem wir eigentlich den Herbst und Winter über (so wie all die anderen Musiker auch) reisen und Konzerte geben wollten: neben Eigenkompositionen von uns beiden und freien Improvisationen, die sich auf ein Motiv einer Bach-Kantate oder die Erinnerung an ein Postludium von Valentin Silvestrov stützen, auch Werke von Komponisten wie Henri Dutilleux, Giya Kancheli, Ariel Ramírez und Anouar Brahem. Das alles fehlt mir. Am meisten aber wird mir dieses Jahr wohl das Ritual der jährlichen Matthäus-Passion am Continuo fehlen, hier zu Hause, in München. Stattdessen: Silenzio.

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© SZ vom 07.01.2021
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