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Weg aus der Pandemie:Impfen, impfen, impfen

GRÖBENZELL: Corona Impfung im Altenheim St. Anton

Die Vorbereitung für die Corona-Impfungen ist aufwendiger als bei anderen Vakzinen.

(Foto: Leonhard Simon)

Seit auch Hausärzte in die Corona-Strategie eingebunden sind, steigt das Tempo bei der Immunisierung gegen das Sars-CoV-2-Virus

Von Heike A. Batzer, Fürstenfeldbruck

Das Impftempo im Landkreis hat deutlich zugelegt in den vergangenen vier Wochen. Seither werden die Corona-Vakzine auch in den Hausarztpraxen verabreicht. 53 700 Erstimpfungen wurden bislang im Landkreis durchgeführt, davon entfallen 12 600 Impfungen auf die Hausärzte. Ziemlich genau ein Viertel der Landkreisbevölkerung - 24,5 Prozent - hat damit ihre Erstimpfung erhalten, über den vollständigen Impfschutz mit beiden Impfungen verfügen indes erst sieben Prozent.

Dabei könnte, wenn es nach den Patientenwünschen ginge, das Tempo weiter zulegen. Das Interesse ist riesig, die Hausärzte führen lange Wartelisten. Bei Philip Kampmann, der mit Kollegen die "Hausärzte-Amperland"-Praxen in Olching, Esting und Maisach betreibt, stehen gut 4000 Namen drauf. Andere wie Lutz O. Tiedtke und Katja Ruppert, die in Germering eine Praxis führen, teilen Anrufern gleich über eine Telefonansage mit, dass derzeit Menschen mit Priorität zwei an der Reihe seien, also Über-70-Jährige und solche mit medizinischer Indikation. Alle anderen Interessenten sollten sich dann im Mai melden. Immer wieder aber gibt es auch Beschwerden von Menschen darüber, dass sie noch keinen Termin bekommen hätten. Wie Lehrkräfte, die sich durch den Unterricht einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt sehen. Oder wie ein 72 Jahre alter Germeringer, der vor zwei Jahren einen Schlaganfall erlitten hatte und sich eigenen Aussagen zufolge seit Monaten um einen Impftermin bei seinem Hausarzt in Germering bemüht - bislang vergeblich. Er werde immer wieder vertröstet mit den Worten, dass er auf der Warteliste stehe.

Etwa 1500 Corona-Impfungen, schätzt Philip Kampmann, wurden in seinen Praxen bereits durchgeführt, 500 bis 600 pro Woche. Das sei "sportlich", findet er. Soll heißen, dass er und seine Teams ausreichend viel zu tun haben mit der neuen Aufgabe. Allein zwei Helferinnen sind dort schon jetzt den ganzen Tag mit Planung und Organisation der Impfabläufe beschäftigt, die zusätzlich zum normalen Sprechstundenprogramm stattfinden müssen. Kampmann, der auch das Impfzentrums in München-Riem leitet, aber sagt: "Es gibt keine Alternative zum Impfen. Denn wir wollen alle gemeinsam die Pandemie beenden."

Über den bürokratischen Aufwand klagt auch sein Kollege Peter Hösler aus Fürstenfeldbruck, der auch ärztlicher Koordinator der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) ist: "Ein Wahnsinn!". Die Listen abzutelefonieren und jeweils Termine zu vereinbaren, sei aufwendig. Auch, weil es immer wieder Überschneidungen mit dem Impfzentrum gibt. Die meisten Impfwilligen melden sich parallel über die Software des Impfzentrums sowie bei ihrem Hausarzt an und greifen bei jenem Termin zu, der ihnen zuerst zugeteilt wird. Beide Seiten bitten deshalb darum, dass dann die nicht mehr nötige Anmeldung auch wieder abgesagt wird. Das erleichtert die weitere Planung.

Noch halten sich alle an die vorgegebenen Prioritäten. Ob deren in Bayern für Mai angekündigte Aufgabe den Aufwand ändern wird? In diesem Fall müsse er seine Wartelisten wohl aufgeben, sagt Hösler. Was allerdings bliebe, seien Diskussionen um den Astra-Zeneca-Impfstoff. "Hier gibt es große Verunsicherung in allen Altersklassen", so Hösler. Astra Zeneca verursacht auch in der Praxis von Philip Kampmann mehr Gesprächsbedarf. Beide Ärzte aber machen die Erfahrung, dass es auch genügend Patienten gibt, die sogar explizit diesen Impfstoff wünschten, wenn sie damit schneller einen Termin bekommen.

Astra Zeneca wird auch im Brucker Impfzentrum noch angeboten, in erster Linie für die Zweitimpfungen jener Personen, die schon einmal Astra Zeneca erhielten. Die Hälfte der Betroffenen wünsche diesen Impfstoff auch explizit für das zweite Mal, erzählt Matthias Skrzypczak: "Sie möchten nicht mischen." Alternativ würde für die Zweitimpfung ein mRNA-Impfstoff wie der von Biontech zur Verfügung stehen. Skrzypczak ist ärztlicher Leiter des Impfzentrums und hat jetzt in der Germeringer Allgemeinärztin Katja Ruppert eine Stellvertreterin.

Das Impfzentrum, das zunächst auf 250 bis 300 Impfungen pro Tag ausgelegt war, hat mit zunehmenden Impfstofflieferungen seine Kapazitäten mittlerweile deutlich erhöht, 600 bis 800 Impfungen wurden laut Skrzypczak zuletzt täglich gestemmt. Zusätzlich waren die Teams auch für Sonderschichten im Einsatz, etwa in der Asyleinrichtung am Fliegerhorst, oder bei den Feuerwehren in Fürstenfeldbruck, Germering, Mammendorf und jüngst in Eichenau. 17 000 der 41 000 Spritzen im Impfzentrum wurden allein in den vergangenen vier Wochen gesetzt. Der Impfstoff, den der Landkreis vom Freistaat erhalte, werde "vollständig und unverzüglich" verimpft, betont Landrat Thomas Karmasin. Er kündigt bei Vorhandensein entsprechender Impfstoffmengen weitere Sonderimpfaktionen an. Auch der ursprünglich am 14. Juni endende Mietvertrag für das Impfzentrum im ehemaligen Aldi-Gebäude im Brucker Westen wurde bereits bis 30. September verlängert. Eine zweite derartige Einrichtung im Landkreis wird, seit die Hausärzte eingebunden sind, nach Aussagen von Wolfgang Kaufmann, Abteilungsleiter Zentraler Service im Landratsamt, derzeit nicht weiterverfolgt.

Mittlerweile sind nicht nur die Hausärzte eingebunden, sondern auch Fachärzte wie die Fürstenfeldbrucker Kinderärztin Maike Nordmann. Für Kinder gibt es zwar noch keinen Impfstoff, Nordmann aber impft seit zwei Wochen beispielsweise Eltern von Kindern mit einer chronischen Erkrankung oder auch die Großeltern. "Wir sind auch verantwortlich für die Patienteneltern und wir sehen, dass wir das Impftempo ordentlich vorantreiben können."

Der Aufwand wird noch einmal beträchtlich steigen, wenn in wenigen Wochen bei den Haus- und Fachärzten auch die Zweitimpfungen anstehen. "Das wird eine logistische Herausforderung", vermutet Philip Kampmann. Vor allem auch unter der Maßgabe, dass der vollständige Impfschutz derzeit als Voraussetzung dafür diskutiert wird, dass die Menschen ihre Freiheitsrechte zurückbekommen.

© SZ vom 30.04.2021
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