Vortrag an der VHS "Die historischen Tatsachen entgegenstellen"

Sven Deppisch ist Historiker und hat unter anderem zur Polizeischule Fürstenfeldbruck geforscht.

(Foto: Günther Reger)

Der Gröbenzeller Historiker Sven Deppisch über Holocaustleugner und wie man ihnen begegnet

Interview von Peter Bierl, Fürstenfeldbruck

Die Leugnung des Holocaust sei kein Phänomen von geistig verwirrten Spinnern, hinter solchen Lügen stecke Kalkül, sagte Sven Deppisch. Der Historiker aus Gröbenzell, der ein Buch über die Ausbildung an der Brucker Polizeischule als Kaderschmiede des Judenmordes veröffentlicht hat, berichtet in der Volkshochschule über die Methoden der sogenannten Revisionisten. Welche Absichten Holocaustleugner verfolgen und was man gegen sie tun kann, wollte die SZ von dem Historiker wissen.

SZ: Was wollen Holocaustleugner?

SvenDeppisch: Diese Leute wollen den offenen Antisemitismus wieder salonfähig machen, der seit 1945 wegen der Shoa weitgehend tabu ist. Die meisten Vertreter sind Rechtsextremisten und Antisemiten. Holocaustleugnung ist eine pseudowissenschaftliche, antisemitische Verschwörungstheorie. Quellen und Berichte von Zeitzeugen werden pauschal als Fälschungen abgetan, es sei denn, sie nützen den eigenen Behauptungen. Bohrt man lange genug nach, ist oft zu hören, hinter der sogenannten Auschwitz-Lüge stecke das jüdische Finanzkapital.

Seit wann gibt es Revisionisten?

Die Nationalsozialisten selbst bemühten sich gegen Ende des Krieges, als die Niederlage absehbar war, Spuren zu verwischen. Krematorien wurden gesprengt, Akten vernichtet, Leichen ausgegraben und verbrannt. In der unmittelbaren Nachkriegszeit gab es Leute, die sehr plumpe Variationen der Leugnung vertraten. In den Siebzigerjahren entwickelte sich eine Szene, die dieses Geschäft mit wissenschaftlichem Anspruch betreibt. Die Veröffentlichungen sind mit Fußnoten und Literaturverzeichnissen gespickt, um Seriosität vorzutäuschen. Als weltweit federführend gilt das Institute for Historical Review, das 1978 in Kalifornien gegründet wurde.

Ist die Relativierung durch Aufrechnung und eine inflationäre Verwendung des Begriffs Holocaust, etwa als vermeintlicher Bomben- oder Abtreibungs-Holocaust, nicht viel gefährlicher? Oder die Rede von Auschwitz-Keule und Holocaustindustrie?

Es handelt sich nicht um ein geschlossenes Feld, sondern es gibt unterschiedliche Strategien der extremen Rechten. Neben der Holocaustleugnung und Relativierung gibt es etwa noch das Bestreiten der Kriegsschuld oder die Schlussstrich-Forderung, die sogar in der Mitte der Gesellschaft populär ist. Daneben gibt es Leute, die offen als Antisemiten auftreten und stolz auf den Massenmord sind.

Welche Rolle spielen Länder wie Iran, dessen Regime internationale Konferenzen von Holocaustleugnern organisiert?

Da findet ein globaler Schulterschluss zwischen Antisemiten statt. Dazu gibt es in einigen arabischen Ländern Holocaustleugner, die haben jedoch keinen wissenschaftlichen Anspruch. Denen geht es vor allem darum, Israel zu delegitimieren.

Was können wir gegen Holocaustleugnung tun?

Es gibt die strafrechtliche Verfolgung. Die ist umstritten, weil die Frage der Meinungsfreiheit betroffen ist. Allerdings gibt es das Gebot der Menschenwürde, das im ersten Artikel des Grundgesetzes verankert ist, und Antisemitismus zu verbreiten, verstößt klar dagegen. Was wirklich hilft, ist Aufklärung, also sich mit solchen Ansichten auseinanderzusetzen und sie zu widerlegen, auch wenn das mitunter aufwendig und langwierig sein kann.

Also weder ignorieren, noch mit den Rechten reden, sondern über sie?

Man kann das Thema ignorieren, um den Leuten keine Plattform zu geben. Das hat sich aber nicht bewährt, weil das Problem damit nicht verschwindet. Die Alternative wäre der Dialog, aber der wertet die Rechtsextremen auf, macht ihre Lügen salonfähig. Daher gilt es, die Menschen über deren Botschaften und Methoden zu informieren und dem die historischen Tatsachen entgegenzustellen.

Sven Deppisch, Holocaustleugnung. Vortrag bei der Volkshochschule Fürstenfeldbruck, Niederbronnerweg 5, Donnerstag, 21. Februar, 19 bis 21 Uhr.