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Unterstützung für Jugendliche:Erste Schritte auf dem Berufsweg

Unterstützung bei der Jobsuche (von links): Frank Zawieruch, Juliane Schall und Thomas Müller.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Lernschwäche, Sprachdefizite, soziale Schwierigkeiten: Trotz Schulabschluss tun sich junge Erwachsene bisweilen schwer, eine Ausbildung oder einen Arbeitsplatz zu finden. Im Auftrag des Jobcenters helfen ihnen spezielle Coaches dabei

Von Sonja Pawlowa, Fürstenfeldbruck

Wie allerorten hegen auch im Landkreis Fürstenfeldbruck Jugendliche Wünsche, Träume und Hoffnungen. Aber was, wenn nichts gelingen will? Wenn Lernschwäche, Sprachdefizite, Unangepasstheit, Drogen und Traumata eine sonnige Zukunft verhindern? Dann muss jemand Mut machen und den Rücken stärken. Während eine neue Abiturientengeneration orientierungslos in einen Sommer ohne Weltreise blickt, hat der 20-jährige Karim ein klar gefasstes Ziel vor Augen. Er macht gerade seinen Quali, obwohl er schon Jahre keine Schule mehr von innen gesehen hat. Im Herbst will er eine Ausbildung zum Kaufmann im E-Commerce beginnen, arbeiten und Geld verdienen. "Ich will gar nicht viel," sagt er. "Ein normales Leben, keinen Ferrari." Genau wie die Abiturienten lässt sich Karim von einem Nachhilfelehrer unter die Arme greifen. Nur, dass sein Nachhilfelehrer kein Referat für das mündliche Abitur mit ihm einübt, sondern umfassend unterstützt.

Karims Nachhilfelehrer heißt Frank Zawierucha und ist Coach beim BBK, dem Bildungsinstitut für Beruf und Kommunikation. Zawierucha betreut Karim im Rahmen der acht Wochen dauernden Maßnahme "Fit for Job" im Auftrag des Jobcenters Fürstenfeldbruck. Das klingt zunächst nach Zwangsmaßnahme, Strafe, Bootcamp. So ist es aber nicht. Das stellen auch die anderen elf jungen Teilnehmer fest, wenn sie in den Seminarräumen in der Hubertusstraße auf Projektleiter Thomas Müller treffen. Respektvoll und wohlwollend werden sie empfangen. Aber es folgt kein schmusiges Weichspül-Blabla. Klare Worte sind Thomas Müllers Stärke. Und seine Fähigkeit, Menschen zu nehmen, wie sie sind. Dass jemand sich die Mühe macht, täglich den Weg von Rosenheim nach Fürstenfeldbruck auf sich zu nehmen, spricht Bände über das Herzblut, das Müller in das Projekt fließen lässt.

Müller und Zawierucha scheinen unterschiedlich, aber sie ergänzen sich vorteilhaft. Müller, der temperamentvolle Sportler, ehemals Leiter einer Personalabteilung, der bei Auslandseinsätzen in Bosnien interkulturelle Kompetenz erwerben konnte, motiviert und aktiviert alle und jeden. Daneben Zawierucha, der sanfte Diplom-Chemiker, der voller Geduld und Ruhe Naturwissenschaften und anderen Schulstoff vermitteln kann, der komplizierte Sachverhalte ergründet und bei Formularen hilft.

Beide Charaktertypen werden gebraucht. Anfänglich klein anmutende Probleme weiten sich aus, wenn Angst und Unsicherheit ins Spiel kommen. Mal geht es um die Anerkennung eines Zeugnisses, mal ist das Zeugnis verbrannt oder weggeworfen worden. Mal hakt es an Schulden, Wohnungslosigkeit, mangelnden Sprach- oder EDV-Kenntnissen. Das lähmt so, dass aus einer Bewerbung eine unlösbare Aufgabe erwächst. Dabei hilft es jungen Menschen manchmal schon, wenn ihnen ein älterer Mensch zeigt, wie man eine Datei auf einem USB-Stick abspeichert. Digital Natives können bisweilen mangels eigener Hardware nur auf dem Handy daddeln.

Gemeinsam ist den Seminarteilnehmern, dass sie zwischen 16 und 30 Jahre alt sind und die allgemeine Schulpflicht erfüllt haben. Mit welchem Ergebnis, das steht auf einem anderen Blatt. Der Beginn einer Habenichts-Zukunft oder Depression. Deshalb fragen Müller und Zawierucha zunächst einmal grundsätzlich: "Was hast du erlebt?", und: "Wo willst du hin?" Oft begegnet ihnen Misstrauen. Manche haben dicht gemacht und wollen nicht sprechen. Aber die allermeisten sind froh, wenn sie bemerken, dass ihnen hier ohne Besserwissermiene geholfen wird.

Das BBK verfolgt nämlich einen ganzheitlichen und menschlichen Ansatz. Gründerin und Herzstück des Bildungsinstituts für Beruf und Kommunikation ist Juliane Schall, die seit über 35 Jahren mit Herz und Hand Mut und Kraft spendet und den Blick für unbemerkte Stärken öffnet. Juliane Schall kann sehr genau zuhören und nimmt auch das Ungesagte wahr. Sie ist eine Diplom-Sozialpädagogin, die mit einem weitreichenden Schatz an Methoden aus der Psychologie, Kunsttherapie und dem Intensivcoaching ein Konzept erarbeitet hat, das über ein Jobcoaching weit hinausreicht. Den Jugendlichen zeigt beispielsweise eine Zielcollage sehr bildhaft und nachhaltig Wünsche und Träume auf. Sprachdefizite spielen keine Rolle und das Ziel ist sichtbar. "Mein Leben in fünf Jahren": So lautet die Überschrift. Das fühlt sich gut an und zaubert ein Lächeln ins Gesicht. Erstaunlicherweise wirken die Wünsche viel realer, wenn sie Gestalt angenommen haben.

Fragen wie: "Was brauchst du denn, um dahin zu kommen?", befeuern die eigene Ideenfindung. Ein schlummerndes Potenzial, das gehoben werden will. Durch das Vertrauen, das Juliane Schall, Thomas Müller und Frank Zawierucha ihren Seminarteilnehmern entgegenbringen, wachsen deren Mut und Selbstvertrauen. Und in den kleinen Schritten, die dann auf dem Bild: "Zeichne mal deinen Weg", festgehalten werden, ist Erfolg kinderleicht. Alles eine Frage der Einteilung und der Einstellung. Kleine Schritte stellen nicht so eine große Last dar und sind auch gar nicht lästig. Ganz im Gegenteil - so macht Motivation Spaß. Und sogar größere Schritte fallen vergnüglich leicht, wenn sie keine übermächtige Bürde mehr darstellen.

Praktikumsplätze zu suchen ist so ein Schritt. Unangenehme Anrufe, Absagen per E-Mail, das mag niemand. Müller und Zawierucha haben früher schon mal die ganze Gruppe losgeschickt. Vor der Tür befindet sich das Gewerbegebiet von Fürstenfeldbruck. Einfach mal fragen. Auf diese Art haben einige einen Praktikumsplatz gefunden. Den Handwerksbetrieben fehlen die Mitarbeiter und eine handwerkliche Begabung zeigt sich schnell. Entscheidend ist die direkte Begegnung. Ein Lebenslauf ist für beide Parteien nicht aussagekräftig und eher eine Behinderung. Trotzdem sind Abschlüsse, Grundkenntnisse der Mathematik und der deutschen Sprache unerlässlich. Zumindest für die Berufsschule, aber manchmal auch für den potenziellen Arbeitgeber.

Hier beginnt die Überzeugungsarbeit von Müller und Zawierucha. Sie telefonieren mit Chefs, Firmen und Personalern. Einer Organisation wie dem BBK gelingt ein nachhakendes Gespräch eher als einem, der schon vor dem Nein zittert. Auch hier hilft die Selbstreflexion bei der Zielerreichung. Wer weiß, wofür er brennt und wo die Fähigkeiten liegen, dem öffnet sich eine Palette an Möglichkeiten durch Initiativbewerbungen. Erfahrungsgemäß sind 80 Prozent mit Erfolg gekrönt.

Karim hat mit Zawierucha zusammen die Unterlagen zur Prüfungsvorbereitung durchgeackert. Parallel zur externen Abschlussprüfung bewirbt er sich um einen Ausbildungsplatz. "Voraussichtlich Quali 2021", schreibt er. So verliert er keine Zeit mit Warten und demonstriert Zielstrebigkeit. Mit Disziplin und Ausdauer hat er bereits seine Schwester unterstützt, die mit einem begehrten Ausbildungsplatz zur Bankkauffrau das große Los gezogen hat.

© SZ vom 23.06.2021
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