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Umstrittene Benennungen:Kleingedrucktes unterm Straßenschild

Langbehnstraße Puch

Die Langbehnstraße im Ortsteil Puch bleibt die Langbehnstraße. Sie erhält aber ein Zusatzschild, das auf die dunklen Kapitel in der Biografie des 1907 verstorbenen völkisch-nationalen Autors hinweisen soll.

(Foto: Günther Reger)

Der Fürstenfeldbrucker Stadtrat einigt sich nach sechs Jahren Streit und einer erneut sehr emotionalen Debatte mehrheitlich auf einen Kompromiss. Auf Umbenennungen wird verzichtet, in drei Fällen sollen die dunklen Seiten in den Biografien durch Zusatztexte erläutert werden

Der Stadtrat hat am Dienstag vorerst den Schlusspunkt gesetzt unter einen sechs Jahre andauernden Streit über den Umgang mit belasteten Straßennamen. Auf Umbenennungen wird verzichtet. Drei Schilder, die nach Personen benannt sind, die heute als Unterstützer der Nazis oder Antisemiten eingestuft werden, werden mit Zusatztexten versehen, sechs Straßenschilder am Fliegerhorst mit allgemeinen Hinweisen. Nach erneut kontroverser Debatte wurden die Fraktionen von SPD, Grünen sowie Die Partei und Frei somit überstimmt. Auch einige Stadträte von CSU und BBV wichen von der Linie ihrer Fraktionen ab.

Mit individuellen Zusatzschildern versehen werden die Straßenschilder von Julius August Langbehn (1851 bis 1907), Wernher von Braun (1912 bis 1977) sowie Paul von Hindenburg (1847 bis 1934). So soll der erläuternde Text an dem seit 1969 existierenden Langbehn-Straßenschild Passagen enthalten wie " ... Langbehn reiht sich damit in die Gruppe der völkisch-nationalen Autoren ein, die gegen die Moderne argumentierten. Verdächtig waren ihm Demokratie, Sozialismus und moderne Wissenschaftsströmungen wie der Positivismus. Als Grundlage seines Weltbildes diente der Rassengedanke. ... In den Jahren 2014 bis 2018 beriet der Stadtrat Fürstenfeldbruck die Umbenennung dieser Straße und beschloss mehrheitlich die Beibehaltung des Namens und diese Informationstafel." Ein weiterer Text weist auf die dunklen Kapitel des Raketenpioniers und SS-Sturmbannführers Wernher von Braun hin. Denn beim Bau der V 2-Raketen kamen viele Zwangsarbeiter ums Leben. 1978 war die einstige Kaiser-Ludwig-Straße anlässlich der Eingemeindung Puchs nach dem technischen Direktor des V2-Raketenprogramms benannt worden. Hindenburg werden der Tod von Millionen Soldaten, die Verbreitung der sogenannten Dolchstoßlegende sowie 1933 die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler vorgeworfen.

Auf Details zur jeweiligen Person verzichtet wird im Fall der Straßen am Fliegerhorst, die benannt sind nach Josef Ederer (1919 bis 1958), Arthur Eschenauer (1906 bis 1953), Sigmund Freiherr von Gravenreuth (1905 bis 1944), Josef Priller (1915 bis 1961), Emil Zenetti (1883 bis 1945) sowie Günther Lützow (1912 bis 1945). Einheitliche Zusatzschilder enthalten den Hinweis: "Die Benennung der Straßen in diesem Gebiet nach Luftwaffenoffizieren des Zweiten Weltkriegs erfolgte 1962 und entsprach dem damaligen Traditionsverständnis in Gesellschaft und Bundeswehr. Sie ist heute umstritten." Alle Schilder sollen mit einem per Smartphone lesbaren QR-Code versehen werden, der zu weiteren Informationen auf der Homepage der Stadt führt. Zudem soll ein pädagogisches Konzept erarbeitet werden, das spezielle Stadtführungen und Angebote in Schulen zum Thema Straßenschilder beinhaltet. Die komplette Maßnahme wird auf 10 000 Euro beziffert.

Die SPD-Fraktion, die für eine konsequente Umbenennung ist, zog einen auf der Sitzung vorgelegten Änderungsantrag zurück, mit dem die Aufhebung des vor einem Jahr gefassten Grundsatzbeschlusses über die bloße Ergänzung mit Zusatzschildern gefordert wird. Walter Schwarz hatte den Entwurf damit begründet, es habe sich mittlerweile herausgestellt, dass es nicht möglich sei, "mit nur wenigen Sätzen auf den sehr kleinen Zusatzschildern die umstrittene Vita des jeweils geehrten Namenspatrons einigermaßen verständlich zu erklären". Zudem vermisse er ein klares Signal gegen Rechts, die Stadt werde sich sonst "mit diesem Prozedere weit über ihre Grenzen hinaus lächerlich machen". Die SPD schloss sich in der Folge einem Antrag Jens Streifeneders (BBV) an - dessen Behandlung aber mit knapper Mehrheit verweigert wurde. Streifeneder kreidete Schwarz an, durch Formulierungen wie "unsägliches Prozedere" Öl ins Feuer gegossen zu haben, plädierte aber wegen der unzureichenden Texte "sachlich" und ohne übertriebene Emotionen ebenfalls für die Aufhebung des Stadtratsbeschlusses.

Die Variante mit den drei Zusatzschildern wurde mit 21 gegen elf Stimmen beschlossen. Dagegen stimmten neben Rolf Eissele (CSU - dessen Fraktionskollegin Birgitta Klemenz als vehemente Verfechterin einer Umbenennung war nicht anwesend) auch die BBV-Politiker Christian Götz, Karl Danke und Andreas Rothenberger. BBV-Chef Klaus Quinten quittierte Rothenbergers Abstimmung mit dem vernehmlichen Hinweis, dieses Verhalten werde nicht folgenlos bleiben. Rothenberger sagte am Donnerstag, Quinten habe sich nach der Sitzung "bei einem Bier auf dem Volksfest" mit seiner Begründung zufrieden gegeben: Unter anderem die neuen Erkenntnisse zu den unzureichenden Zusatztexten sowie zur angelaufenen Online-Petition von Jakob Knab mit Blick auf die Zenettistraße hätten ihn bewogen, entgegen seiner Signale auf der Fraktionssitzung letztlich gegen die Zusatzschilder zu stimmen.

Klaus Wollenberg (FDP), Franz Neuhierl (Freie Wähler) und Andreas Lohde (CSU) warben für die Zusatzschilder als praktikablen Kompromiss, Mirko Pötzsch (SPD) widersprach, zeigte sich "fassungslos", sprach von "Geschichtsvergessenheit und dem Versagen des Stadtrats, seine Fraktionskollegin Gabriele Fröhlich kritisierte das "Weichspülen der Geschichte".