Theater in Fürstenfeldbruck:Weiße Lügen

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Theater in Fürstenfeldbruck: Christina Schmiedel und Andreas Harwath bespielen die aufs Wesentliche reduzierte Bühne ausdrucksstark. Das Motiv vom Wolf im Schafspelz und dem armen Schaf wird auf fantasievolle Art aufgelöst.

Christina Schmiedel und Andreas Harwath bespielen die aufs Wesentliche reduzierte Bühne ausdrucksstark. Das Motiv vom Wolf im Schafspelz und dem armen Schaf wird auf fantasievolle Art aufgelöst.

(Foto: Günther Reger)

Die Neue Bühne Bruck bekommt zu Recht viel Applaus für die Premiere von "Ein Schaf fürs Leben". Es wird gut gespielt und dadurch klar, dass nicht alles so ist, wie es immer den Anschein hat

Von Sonja Pawlowa, Fürstenfeldbruck

Ausverkauft und viel Applaus - so war der Premierennachmittag der Neuen Bühne Bruck. Mit einem Jahr Corona-Verspätung durften sich Kinder, Eltern und Großeltern an einer lebensfrohen und recht modernen Tierfabel erfreuen. Dass "Ausverkauft" in Gänsefüßchen zu setzen ist, schwingt mit bei Christina Schmiedels Frage ins Publikum: "Sind Kinder da?" Sie beantwortet die Frage selbst: "Oh, 80, 90 ..." und erntet wissende Lacher der Erwachsenen. Tatsächlich sind die Corona-Abstände zwischen den Zuschauerstühlen sehr, sehr groß. Das schmale Dutzend Kinder muss sehr laut rufen, damit die Stimmchen hörbar werden.

Es werden alle Register der Theaterkunst gezogen. Aus Christina Schmiedel am Klavier und Leseonkel Andreas Harwath werden im Handumdrehen leibhaftige Schauspieler und im fliegendem Wechsel Schaf und Wolf, dann andersherum. Zuschauern machen den Sound-Effect, produzieren akustisch die Stille, den Wind und einen Bauernhof. Die Erwachsenen und die Kinder dürfen auf einer Meta-Ebene bei der Rollenbesetzung dabei sein.

Klar wird: Mann oder Frau, das ist egal, man sollte sich am Talent orientieren. Klar wird auch: Weniger ist mehr. Eine Mütze reicht schon als Kostüm. Eine Discokugel wirft Schneeflockenlichter auf den nächtlichen Molton. Dass der Wolf Andreas Harwath im Pelzkragenmantel und Neunziger-Brille das Schaf fressen will, ist dagegen nicht allen jenseits der Bühne klar. Doch der Techniker Philipp Schultheiss stimmt mit der eingespielten Melodie von "Spiel mir das Lied vom Tod" auf ein Drama ein. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird eine andere Ebene beschritten, nämlich die der Fantasie.

"Komm, lass uns die Geschichte einfach spielen," sagt Christina Schmiedel zu Andreas Harwath. Mit diesem Satz ändert sich alles. Ein Tor in eine Als-ob-Welt wird geöffnet. Der österreichische Philosoph Robert Pfaller nennt es eine "weiße Lüge". Dieser "Kommst du noch mit auf einen Kaffee hoch?"-Moment vor der Haustür, bei der die Beteiligten in stiller Übereinkunft ein Spiel spielen und wissen, dass weder Briefmarkensammlungen noch Kaffee eine Rolle spielen.

So ähnlich ist es bei dem Theaterstück vom hungrigen Wolf und dem seiner Schafsbekanntschaft in der Neuen Bühne Bruck. Aus dem ursprünglichen Kinderbuch von Maritgen Matter hat das Theater-Team ein Musical mit vielen Ebenen und weißen Lügen erschaffen. Es geht darum, sich auf das Spiel einzulassen. Elemente wie das Schaf, das zum vorlesendem Erzähler wird, der hellblaue runde Fußabtreter, der zum Bergsee wird, bringen schnelle Perspektivwechsel. Nicht wie in einem Film, der trotz Rückblenden in einer Geschichte bleibt. Nicht wie im Kasperltheater, wo die Figuren ihre Rolle nie verlassen und plötzlich zu Menschen werden.

Die Neue Bühne geht einen Schritt weiter. Die Inszenierung der Wolfs-Rettung macht sogar eine Trennung von Mensch und Kostüm erforderlich. Da versinkt die Wolfsmütze im See-Fußabtreter, und der Mantel wird auf den Schlitten gehievt. Pars pro toto. So kann der Darsteller gleichzeitig am Klavier das Hänsel-und-Gretel-Thema anstimmen, bevor das heldenhafte Retter-Schaf mit dem Schlitten zum Haus des Wolfes findet.

Das Bühnenbild leistet viel und besteht fast aus nichts. Die Berge in der Winternacht werden mit flüchtigen Strichen auf einer weißen Leinwand angedeutet. Darunter weiße Säcke und Kissen für die Tiefe. Das Wohnzimmer im Haus Wolf mit dem Rehgeweih und den Ahnenbildchen spiegeln ein zeitgemäßes Alm-Design, wozu auch die Veggie-Rezepte des Schafes passen.

Was vielleicht weniger dazu passt, ist die Frage, wie ein Wolf auf Dauer fleischlos leben soll. Davon lenkt jedoch die flammende Freundschaft, die man auch Liebe nennen könnte, ab.

Die fünfjährigen Zwillingsprinzessinnen Karolina und Ida springen jedenfalls hoch bei der fiktiven Schlittenfahrt. Begleitet von Banjo-Westernklängen jagen sie ihrem Kindergartenfreund Alexei nach, der längst schon eine Taschenuhr-Abbildung gefunden hat. Denn es war eine riesige Golduhr, die alle Anwesenden in den fernen Ort Erfahrungen entführt hat. "Ein Schaf fürs Leben" wird noch an jedem Wochenende bis Januar zu sehen sein.

Ein Schaf fürs Leben, Neue Bühne Bruck, nächste Aufführungen: Samstag, 11. Dezember jeweils um 14 und 17 Uhr, Samstag und Sonntag, 18. und 19. Dezember, jeweils um 15 Uhr

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