Tanzperformance:Körpererinnerung

GRÖBENZELL: Tanztheater von Laura Saumweber & Paula Niehoff

Laura Saumweber schwingt Paula Niehoff um ihre Hüfte, die beiden tanzen, zappeln und bewegen sich vor dem Altenheim in Gröbenzell wie in einem Theater. Die Bewohnerinnen und Bewohner animiert das unweigerlich zum Mitmachen.

(Foto: Leonhard Simon)

Laura Saumweber und Paula Niehoff schaffen mit ihrem Tanztheater "Über die Dinge" ein Konzept, das zu einer notwendigen Therapieform erklärt werden und zum Basisprogramm jeder Einrichtung für Senioren und Demenzkranke gehören sollte

Von Sonja Pawlowa, Gröbenzell

Laura Saumweber und Paula Niehoff können zaubern. Indem sie sich bewegen und unbeseelte Gegenstände bewegen, lassen sie Bilder entstehen. So erwecken sie Fantasie und Lebensfreude bei den Bewohnern des Caritas-Altenheims Sankt Anton in Gröbenzell und bringen alle und alles in Bewegung.

Das geniale Konzept des Tanztheaters "Über die Dinge" lautet: Unterhaltung und Mitmachen. Die Show der beiden jungen Künstlerinnen auf der improvisierten Bühne beim Radl-Ständer trennt diese beiden Elemente in zwei Teile und liefert den Senioren quasi ein Doppelprogramm zum Zuschauen und Mitmachen mit dem Ergebnis: Unterhaltung und Gesundheit für Betreuer und Betreute.

Der Eventnachmittag stand unter einem guten Stern, denn die Sonne schien ungetrübt. Wie Ränge in der Oper wirkten die Balkone und Terrassen. Die halbkreisförmige Architektur des Altenheims und die Bestuhlung unter den schattenspenden Bäumen glichen einem Amphitheater. Etwa 70 der 123 Bewohner fanden sich nach und nach auf der Wiese ein, der Rest nutzte die Logenplätze. Einige kamen im Rollstuhl, andere mit Rollatoren, auch begleitet vom Personal, das sich um eine gute Sicht auf die Darbietung kümmerte. Wie ein sanftes Plätschern schmeichelten französisch anmutende Klänge aus der Soundanlage. Und dann ging es los.

Mit Regenschirm und Besen verwandeln sich Laura Saumweber und Paula Niehoff in romantische Mary-Poppins-Zwillinge oder kämpfende Männer. Ein Stillleben mit überdimensioniertem Lampenschirm entsteht, als Laura Saumweber ihren Rock über den Schirm spannt und sich mit dem Besenstil weit über den Kopf hält. Die jungen Frauen mutieren zu Eislaufpärchen oder lebendigen Zappel-Marionetten. Doch immer wieder friert ein Bild ein, so als blättere man durch ein Album mit Standfotos. Das gefiel, wie Applaus und offene Münder bekräftigten.

Den Mitmach-Part empfand die Zuschauerschaft als eine zusätzliche und unvermutete Stimmungssteigerung. Atmen, Arme kreisen - das kennen die meisten aus der Gymnastik. Bei Laura und Paula hüpfen imaginäre Wassertropfen auf die Schultern, rollen vom Scheitel bis in die Hände und spritzen in allen Farben des Regenbogens davon. Sogar die Rollstuhlfahrer machen mit. Klatschen, Trommeln und Hacke-Spitze -eine regelrechte Sitz-Choreografie entsteht. Fließende Bewegungen mit dem Weg des Wassers zu vergleichen, die Bildsprache beizubehalten und Muskelanspannung als Gefrieren zu beschreiben, erschafft einen inneren Dokumentarfilm, der dich in den strahlenden Gesichtern spiegelt. Offensichtlich kehren verschüttete Erinnerungen zurück. Kein Wunder, denn der Körper erinnert sich besser als der Kopf. Wenn das keine Erfolgstherapie ist, was dann?

Das Tanztheater "Über die Dinge" für reines Entertainment zu halten, könnte man engstirnig und kurzsichtig nennen. Tatsächlich sollte das Konzept zu einer notwendigen Therapieform erklärt werden und zum Basisprogramm jeder Einrichtung für Senioren und Demenzkranke gehören.

Das ist augenblicklich nicht so. Buchungen im kulturellen Bereich unterliegen der Leiterin der sozialen Alltagsbegleitung, Inge Zielbauer. Finanziell ist sie weitgehend abhängig von Stiftungs-- und Spendengeldern. Der Auftritt des Tänzerinnen-Duos wurde ermöglicht durch die Josef-und Luise-Kraft-Stiftung. Das ist ein doppelter Gewinn, denn die Bewohner verdienen ein Highlight und junge Künstler ein Einkommen. Junge Menschen zu sehen, ist eine Besonderheit für die Senioren.

Auch für den zeitgenössischer Tanz sind Förderungen überlebenswichtig. Beim Projekt "Über die Dinge" kümmert sich die Produktionsleiterin Natalie Knappik um Finanzen und die Organisation. "Deutschland ist ein Papier-Dschungel," sagt sie. "Herauszufinden, wo zu welchen Bedingungen was gefördert wird, ist zeitaufwendig und anstrengend". Die Zusammenarbeit mit Natalie Knappik ist ein Gewinn für Laura Saumweber und Paula Niehoff. Professionelles Kulturmanagement trifft auf engagierte Kreativität. Es folgt eine Tournee, die über München nach Bamberg und Köln führt.

Vieles hat sich in der Coronazeit verändert. Erstmals 2020 haben Laura und Paula das Altenheim Sankt Anton nach dem strengen Lockdown mit Bewegung aus der Erstarrung gelöst. "Da merkt man gar nicht, dass man sich bewegt", sagt Sabine Uhl, die Leiterin des Altenheims. Tänzerische Leichtigkeit hilft eben durch schwere Zeiten.

© SZ vom 26.07.2021
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