bedeckt München 15°

SZ-Serie: Start-up, Folge 3:Vielschichtiger Dekor

Die Physikerin Monika Vongehr hat in der Weltraumforschung zufällig zur Glaskunst gefunden. Umgang und Verarbeitung des filigranen Materiales fasziniert die 56-jährige Türkenfeldnerin so sehr, dass sie das Unternehmen "Myself-Design" gründet und das kreative Hobby zu ihrem Beruf machen will

Monika Vongehr ritzt einen dünnen Schnitt in die Oberfläche der etwa zwei Millimeter dicken Glasplatte. Dann nimmt sie die Glasbruchzange. Es geht ganz schnell: Mit einem Handgriff legt sie das Instrument direkt an die Bruchkante, mit dem nächsten knipst sie den markierten Abschnitt in einer geraden Linie ab. Die einzelnen Glasbruchstücke aus verschiedenen Farben und Formen, die so entstehen, legt sie in Schichten übereinander. So kommen sie in den Schamottofen, wo sie rotglühend zu einem einzigen gemusterten Objekt verschmelzen.

Fusing bezeichnet das Erhitzen, Verformen und Verbinden von Glasteilen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Als "Fusing" bezeichnet man diese Technik, mit der Monika Vongehr arbeitet. Mit ihrem jungen Unternehmen "Myself-Design" hat sie sich der Gestaltung von Unikaten aus Glas verschrieben. In erster Linie sind es dekorative Schalen aus Glas, die hier in ihrem Dachatelier Gestalt annehmen. "Es ist schwer, in der Region mit Kunst auf die Füße zu kommen", sagt die Neo-Designerin. Die aufwendige Herstellung macht ihre Werke zu Luxusartikeln, die sich nicht jedermann leisten kann oder will. An die 200 Euro kosten die größeren Schalen mit einer Kantenlänge von etwa 40 Zentimetern. "Wenn ich die Werke ausstelle, kommen die meisten zuerst wegen den Schalen. Die sind ihnen dann aber meistens zu teuer, weshalb sie eher Kleinigkeiten wie Schmuck kaufen."

Farbliche Muster und Platten aus dem Glasfachmarkt als Grundmaterial verwendet Monika Vongehr für ihre Methode Fusing.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Als besonders beliebt haben sich ihre Workshops erwiesen, in denen die Teilnehmer selbst kleine Glasobjekte wie Schmuckanhänger (ab zehn Euro das Stück) basteln können. Sie dienen neben den Verkäufen aus Messen und Kreativmärkten als kleine Einnahmequelle, zum Hauptverdienst ist es aber noch ein weiter Weg. Ausgestellt werden einige der Unikate im Brucker Fach 4, wo Vongehr eine Schaufläche gemietet hat und auch Workshops und Showarbeiten veranstaltet. Bald möchte sie diese aber in ihr eigenes Atelier übersiedeln.

Vongehr experimentiert mit Luftbläschen, die ihren Schalen Muster und Oberflächenstruktur geben.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Ihr Arbeitsplatz, der Ausstellungsraum und offene Werkstatt zugleich werden soll, ist schon entsprechend aufgemacht. Auf verschiedensten Oberflächen werden bunte Platten, Schalen, Bilderrahmen und sanftwellige, abstrakte Gebilde präsentiert. In den Regalen stapeln sich schatullenweise Ohrenstecker und Anhänger, am Holzgebälk hängen schillernde Amulette, die das einfallende Tageslicht zum Funkeln bringt. Das Atelier befindet sich unter dem Dach in einem Vier-Parteien-Wohnhaus in Türkenfeld. Es ist die obere Etage ihrer zweistöckigen Wohnung in der Ganghoferstraße, die sie erst dieses Jahr im Februar bezogen hat. Durch die Lage im Mischgebiet ist ein Gewerbe im geringen Ausmaß (das wenig Lärm- oder anderweitige Belästigung für die Nachbarschaft mit sich bringt) hier gestattet.

Musterlegung auf dem Grundmaterial.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Ihre Werke haben auch ein besonderes Markenzeichen: Vongehr experimentiert mit Luftbläschen, die ihren Schalen Muster und zugleich Oberflächenstruktur geben. Runde, elliptische und sogar quadratische Luftblasen kann sie so "einbauen". Sie entstehen, wenn man vier Schichten Glas miteinander verschmilzt - eine meist opake farbige Hintergrundplatte, eine transparente oder farbig-transparente obere Schicht und dazwischen feine Farbstäbe aus Glas. Die wie verschiedenfarbige Spaghetti aussehenden Stäbe erzeugen durch ihre Anordnung zwischen sich Hohlräume, in denen beim Verschmelzen des Glases die Luftblasen entstehen - je nach Anordnung kann man dabei mit ein wenig Sachkenntnis die Form beeinflussen. Ein gelegtes Schachbrettmuster zwischen zwei Platten ergibt etwa ein Muster aus runden Luftbläschen. Was aussieht wie Mikado, ist tatsächlich eine akribische Technik, welche die Designerin gemeistert hat.

Fusing

Glas-Fusing ist eine Methode für das Erhitzen, Verformen und Verbinden von einem oder mehreren Glasteilen miteinander, die auf eine etwa 2200-jährige Tradition zurückzuführen ist. Für die Technik in ihrer heutigen Form sind mehrere Schritte entscheidend. Zunächst wird die Rohglasplatte in einem Ofen mit Schamottbeschichtung (eine Art künstlich hergestellter feuerfester Stein) bei etwa 800 bis 850 Grad zum Schmelzen gebracht. Dadurch glättet sich ihre Oberfläche und die Kanten runden sich ab. Hier kann man schon mehrere Glasstücke übereinanderlegen, die je nach Temperatur nahtlos oder reliefartig zu einer gemusterten Oberfläche miteinander verschmelzen. Um die abgekühlte Platte anschließend in eine andere Form - etwa die einer Schale - zu bringen, muss man sie im zweiten Brenngang auf eine sogenannte Absenkform aus Keramik legen, an die sich das zähflüssige Glas anschmiegt. Auch diese muss davor getöpfert und gebrannt werden. Drei bis viermal kann man die Form danach in der Regel verwenden. Knapp eine Woche (5 bis 7 Tage) braucht eine Glasschale für ein volles Programm im Ofen; etwa die Hälfte der Zeit dient der Abkühlung. Für den Verschmelzungsprozess entscheidend ist die Temperaturkurve. Die Kurve selbst findet man zwar im Internet - "die genaue Temperatur gibt aber niemand raus", sagt Vongehr. "Das muss man sich selbst im Prozess erarbeiten. Die ersten zwei Jahre habe ich nur Glasmüll produziert." Kleine Objekte lassen sich mittels Schamott-Topf sogar in der Mikrowelle schmelzen. Das dauert zwar weniger lang, aber eine ausreichende Abkühlzeit ist auch hier entscheidend: Durch nicht abgebaute Hitze ergeben sich sonst Spannungen in der Masse, die jederzeit zu Rissen führen können.

Das Rohmaterial, welches man für das Fusing benötigt, muss eine bestimmte Beschaffenheit und Farbbrillanz aufweisen. Glas ist nicht gleich Glas - das für das Fusing verwendete unterscheidet sich in der Zusammensetzung etwa von jenem fürs Glasblasen. Monika Vongehr arbeitet mit dem Typ "Bullseye" - die verschiedenen Platten und Muster besorgt sie sich im Glasfachmarkt GLS in Fürstenfeldbruck.sz

Dieser recht wissenschaftliche Zugang hat auch einen Grund. Hauptberuflich ist Vongehr Physikerin, genauer gesagt: Ingenieurin in der Raumfahrtstechnik. Genau diese Arbeit war es, durch die sie zum Glas gekommen ist. Während eines siebenjährigen Forschungsprojekts am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik beschäftigte sich die Physikerin mit der Entwicklung von Glasoptiken für das Einfangen und Fokussieren von Röntgenstrahlen auf Satelliten im All. Anlässlich der Verabschiedung eines Kollegen in die Rente hatte die Belegschaft sie gefragt, ob sie nicht eine dekorative Glasschale als Geschenk herstellen könne. "Das war der Start", sagt die heute 56-Jährige. Etwa neun Jahre ist das inzwischen her, vor vier Jahren folgte die Gründung der Firma Myself-Design.

Inspirationen holt sich Vongehr aus der Natur. "Wenn ich beim Spazieren ein Weizenfeld sehe, in dem sich die Ähren im Wind wiegen. Oder das Meeresrauschen; die verschiedenen Blautöne und Oberflächenmuster der Gischt", schwärmt sie. Diese unterschiedlichen Farben und Muster verarbeitet sie in ihren Werken. Die künstlerische Beschäftigung stellt für sie eine "völlig andere Welt" und damit ein Gegengewicht zu dem männlich dominierten Fachbereich dar, den sie seit ihrem Diplomstudium der Lasertechnik beruflich verfolgt. Als die Arbeit mit dem Glas ins Rollen kam, reduzierte Vongehr ihre 40 ("eigentlich 60") Stunden Woche auf 35, später auf 28 Stunden, um sich mehr dem Handwerk zu widmen. "Mein Ziel für die Zukunft ist es, eine schöne Galerie aufgebaut zu haben. Und vielleicht auch, dass ich irgendwann davon leben kann."

Obwohl sie immer schon eine kreative Ader hatte, scheint sich Vongehr mit dem Kunstbegriff an sich etwas schwer zu tun. "Das ist jetzt sozusagen Kunst", sagt sie, während sie ein gewundenes blaues Gebilde aus einem Regal nimmt. Im Gegensatz zu den Schalen oder Schmuckstücken, welche sie in erster Linie anfertigt, habe das Objekt keinen Nutzen. Man merkt ihr an, dass sie dafür eigentlich wenig Verständnis hat. "Was soll ich sagen", lacht sie, "Ich bin Ingenieurin. Wenn etwas keine Funktion hat, gehe ich an meine Grenzen."

Dass auch für die Wissenschaftlerin nicht alles berechenbar sein muss, zeigt sich bei ihrem Lieblingsstück. Es ist eine unregelmäßig geformte Schale aus weißem Glas, auf der ein geometrisch gelegtes rotes Muster in Wellen verschwimmt. Das Ungewöhnliche: Die farbigen Glasstreifen waren ursprünglich gelb gewesen und haben sich unerwartet erst im Ofen rot verfärbt - ein Resultat spezieller Beimischungen in der Glasschmelze. Es ist dieser Überraschungseffekt, der die Designerin an dem Stück besonders fasziniert.

Myself-Design: Unikate aus Glas. Nächster offener Glasworkshop am Freitag, 20. September, von 13 Uhr an im Fach4 in der Augsburger Straße 4. Voranmeldung nicht erforderlich. Zusätzliche Informationen unter http://fach4.de/ und http://www.myself-design.online/html/workshop.html.