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SZ-Serie: Polit-Paare, Folge 11:Direktnachrichten während der Debatte

Maximilian Gigl und sein Vater Josef gehen nur politisch getrennte Wege. Gigl senior gehört den Freien Wählern an, sitzt für sie seit 18 Jahren im Stadtrat. Gigl junior hat erst von seiner Mitgliedschaft bei der CSU erzählt, als der Aufnahmeantrag längst unterschrieben war.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Josef Gigl sitzt seit 18 Jahren im Olchinger Stadtrat, sein Sohn Maximilian hat eine Amtsperiode hinter sich und in diesem Jahr als Bürgermeister kandidiert. In öffentlicher Sitzung diskutieren die beiden nicht miteinander. Sie kommunizieren lieber im Stillen

Von Katharina Knaut, Olching

Als Josef Gigl vorfährt, drehen nicht wenige Gäste vor Restaurant Schiller in Olching den Kopf. Er kommt im roten Kleintransporter, auf dem Kennzeichen prangt die Nummer 112. "Ah, Feuerwehr", raunt eine Frau am Nebentisch ihrem Partner zu. Gigl steigt aus und geht raschen Schrittes auf die Tische des Restaurants zu. Die Blicke folgen ihm zum Teil noch immer. Er grüßt, lächelt in die Runde, unterhält sich kurz mit einigen Bekannten, nimmt schließlich Platz und beginnt zu erzählen. Darüber, wie es bei ihm begann, vor über 30 Jahren.

Landes- und Bundespolitik habe ihn nur bedingt interessiert, sagt Josef Gigl: "Mein Herz schlug für die Kommunalpolitik." Er habe im Ort, im nahen Umfeld etwas bewirken wollen. Also trat der Besitzer eines örtlichen Elektrobetriebes den lokal orientierten Freien Wählern Olching (FWO) bei. Seit 18 Jahren sitzt er für die Wählervereinigung im Gemeinderat und, seit Olching zur Stadt erhoben wurden, im Stadtrat.

Er setzt sich vor allem für das Ehrenamt ein. Ein Thema, das ihm besonders am Herzen liegt. Schließlich ist er in mehreren Vereinen aktiv. "Ich habe nicht nur eine Vorliebe für rote Autos", sagt der 57-Jährige und lacht. Der erste Kommandant der Feuerwehr Olching engagiert sich auch in der Kolpingfamilie und war Mitglied des Elternbeirats am Gymnasium. Einige Zeit war er sogar in der Olchinger Faschingsgilde aktiv. Josef Gigl sieht sich so: "Ich tanze auf vielen Hochzeiten."

Oder wie sein Sohn es ausdrückt: "Du bist niemand, der ruhig herumsitzen kann." Dabei steht Maximilian Gigl, der nur wenige Minuten nach Josef Gigl ins Restaurant Schiller kommt und neben seinem Vater Platz nimmt, diesem in nichts nach: In Olching aufgewachsen, ist er inzwischen in den väterlichen Betrieb eingestiegen. Er engagiert sich ebenfalls in der Feuerwehr Olching und ist Vorsitzender der Kolpingfamilie. 2016 kam der Vorsitz der örtlichen CSU dazu, seit sechs Jahren sitzt Maximilian Gigl für die Partei im Stadtrat. Dort ist er unter anderem als Schulreferent tätig, will außerdem mehr Bürgernähe schaffen und wie sein Vater die Vereine stärken. Eine Vita, die dem 28-Jährigen, seit er im Frühjahr Wahlkampf als CSU-Bürgermeisterkandidat geführt hat, flüssig über die Lippen kommt.

Gern erzählte Maximilian Gigl während seiner Wahlkampfauftritte auch die Anekdote, dass er und seine Schwester mit politischen Diskussionen am heimischen Esstisch aufgewachsen seien. Das Interesse am Geschehen im Ort, die Kommunalpolitik, "war damit von Grund auf gegeben". Nicht selten sei der Vater nach einer Sitzung heimgekommen und habe über die Diskussion im Gremium geschimpft, erinnert sich Maximilian Gigl. Für die Kinder ein Highlight: "Meine Schwester und ich wollten nachforschen, was es denn damit auf sich hat."

Das Interesse an Kommunalpolitik übertrug sich allerdings nicht auf die politische Präferenz. "Meine Grundüberzeugung lag bei der CSU", betont Gigl junior. Auch habe ihm die Partei mit ihrem Apparat und ihren Programmen mehr Möglichkeiten geboten. Dass er den Mitgliedsantrag unterschrieben hatte, erfuhr der Vater allerdings erst hinterher. "Ich wurde vor vollendete Tatsachen gestellt", sagt Josef Gigl. In Depressionen sei er deswegen aber nicht verfallen. Im Gegenteil: Als sich Maximilian vor sechs Jahren erstmals auf der CSU-Liste für den Stadtrat aufstellen ließ, habe er in der Wahlnacht mit seinem Sohn mitgefiebert, erzählt der Vater mit einem stolzen Blick auf den Sohnemann. "Ich habe ständig im Internet nachgesehen, ob er drin ist." Beide erinnern sich noch gut an diesen Abend. Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen, mit nur zwölf Stimmen Vorsprung erhielt Maximilian Gigl, der damals erst Anfang 20 war, schließlich das Mandat.

Bei der diesjährigen Wahl musste keiner der beiden um einen Einzug in den Stadtrat bangen. Josef Gigl erhielt mit 3555 Stimmen die meisten in seiner Partei, Maximilian Gigl wurde mit 9103 Stimmen wieder in das Gremium gewählt. Zwar verlor der CSU-Bürgermeisterkandidat die anschließende Stichwahl gegen den amtierenden Rathauschef Andreas Magg (SPD), konnte sich aber das Amt des Zweiten Bürgermeisters sichern und den inoffiziellen Titel als Stimmenkönig.

Die Erfahrungen seines Vaters haben ihm bei der schnellen kommunalpolitischen Etablierung geholfen, sagt Maximilian Gigl. Er erklärt das mit einer Faustregel: "Die ersten sechs Jahre im Stadtrat bestehen aus Zuhören und Beobachten, die darauffolgenden sechs Jahre verbrennst du dir die Finger. Und erst dann spielst du mit." Die Phasen habe er durch seinen Vater bereits miterlebt, erklärt der 28-Jährige. Dieser habe ihm außerdem die Strukturen und die Abläufe erklärt. "Dadurch habe ich mir wahrscheinlich zwölf Jahre gespart."

Interessenskonflikte versuchen Vater und Sohn zu vermeiden. Als die Freien Wähler bei der jüngsten Kommunalwahl ihren eigenen Bürgermeisterkandidaten aufstellten, habe er sich bewusst aus den Wahlkampfteams herausgehalten, sagt Josef Gigl. "Aber natürlich habe ich meinen Sohn mit maximaler Energie unterstützt." Und ein gewisser Spaßfaktor sei natürlich auch dabei gewesen. Beispielsweise, wenn sie Plakate von FWO und CSU verglichen und sich gegenseitig mit der Gestaltung und den Inhalten aufzogen. Bei der Erinnerung daran sehen sich die beiden an und beginnen zu lachen. "Das Necken", sagt Maximilian Gigl, "gehört einfach dazu."

Ebenso wie die familiären Politdebatten, die bis heute im Hause Gigl geführt werden. Im Laufe der Zeit seien diese fundierter geworden, sagt Maximilian Gigl. Auch hat er inzwischen eine Verbündete gefunden. Seine Schwester Sabine kandidierte beim letzten Wahlkampf ebenfalls auf der Liste der Christsozialen. Die CSU-Lastigkeit, sagt Maximilian Gigl zufrieden, sei damit größer.

Wenn Vater und Sohn im Sitzungssaal aufeinandertreffen, ist von den internen Diskussionen nichts zu bemerken. Zwar melden sich beide oft zu Wort, auf öffentliche Debatten untereinander verzichten sie jedoch. Hin und wieder wechselt während der Sitzung allerdings eine Nachricht den Besitzer. "Einmal, da wollte ich nicht aufhören, nachzubohren." Bei der Erinnerung daran lehnt sich Josef Gigl mit einem Lächeln zurück. Sein Sohn sieht ihn von der Seite an und grinst. "Stimmt", antwortet er. "Da habe ich dir geschrieben: Jetzt hör' doch endlich auf. Oder ich muss dir öffentlich die Meinung sagen." In einem sind sich Vater und Sohn jedoch einig: Um etwas bewirken zu können, muss man sich dafür einsetzen. Oder, wie Josef Gigl es ausdrückt: "Meckern geht immer. Etwas unternehmen ist besser."

Bisher erschienen: Peter und Hannelore Münster, Eichenau (8./9 August), Familie Off-Nesselhauf, Germering (14./15./16. August), Erwin und Markus Fraunhofer, Jesenwang (18. August), Barbara Lackermeier und Gerhard Jilka, Schöngeising (22./23. August), Wolfgang und Sandra Andre, Germering (25. August), Katrin und Emanuel Staffler (29./30. August), Gisella Gigliotti und Manfred Sengl (1. September), Michael und Valentin Schanderl (5./6. September), Michael und Johannes Bals (8. September), Agnes und Sepp Dürr (12./13. September)

© SZ vom 15.09.2020

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