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SZ-Serie: Mit dem Bus in den Landkreis:Busfahrer gesucht

Der Mangel an Fachpersonal gefährdet den raschen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Die Ursache dafür sieht die Gewerkschaft in niedrigen Löhne bei hohem Stress und einer schlecht organisierten Ausbildung

Derzeit sind jeden Tag bis zu 115 Busse auf 47 Linien im Landkreis unterwegs. Das Netz soll weiter ausgebaut werden, allerdings fehlt das Personal. "Wir haben einen wahnsinnigen Engpass", sagt Hermann Seifert, Leiter der ÖPNV-Stabsstelle im Landratsamt. Unternehmen wie Omnibus Neumeyr aus Dünzelbach oder die Griensteidl GmbH in Gröbenzell, die mehrere Linien im Auftrag des Landkreises fahren, bestätigen das Defizit. Der Start der Expresslinie X 80 von Puchheim nach Moosach oder der Samstagsbetrieb der Linien 851 und 857 in Germering mussten deshalb verschoben werden. Um das zu vermeiden, verlängere man den Vorlauf zwischen Auftragsvergabe und Betriebsbeginn, sagt Seifert. Was allerdings am Fachkräftemangel grundsätzlich nichts ändert.

Aus Sicht der Gewerkschaft sind die Löhne zu niedrig, während der Stress wächst. Der neue Tarifvertrag, der ab 1. November gilt, sieht vor, dass Fahrer im ersten Berufsjahr einen Grundlohn von 2106 Euro bekommen. Nach vier Berufsjahren sind es 2281 Euro. Berücksichtige man alle Zulagen kämen Berufsanfänger auf maximal 2400 Euro brutto im Monat für 167 Arbeitsstunden, netto blieben davon etwa 1700 Euro übrig, rechnet Franz Schütz vor, Sekretär der Gewerkschaft Verdi. Für Schichtarbeit gebe es 95 Cent pro Stunde dazu.

Elektromobilität im Landkreis Ebersberg, 2019

Freies Lenkrad: Buscockpits bleiben zunehmend leer, der Beruf ist nicht attraktiv genug.

(Foto: Christian Endt)

Ein Fahrer aus dem Landkreis erzählt der SZ, dass er nach 20 Berufsjahren und mit Überstunden auf etwa 1900 Euro netto kommt. "Es gibt keinen, der nicht Überstunden macht", erzählt er. Obendrein würden Firmen Leiharbeiter beschäftigen, die nur elf Euro brutto die Stunde verdienen, erzählt er. Auch machen Schichtbetrieb und Arbeit am Abend und an Sonn- und Feiertagen den Job nicht attraktiver.

Für Neumeyr sind derzeit 45 Fahrer unterwegs, bei Griensteidl sind 75 im Einsatz, darunter wenige Frauen. "Es ist immer noch eine Männerdomäne", sagt Stefanie Neumeyr. Die Geschäftsführerin des Familienbetriebes aus Dünzelbach berichtet ebenso wie der Pressesprecher des Konkurrenten Griensteidl, einem Tochterunternehmen des Transdev-Gruppe, dass sie ihre Fahrer ein bisschen über dem Tarif bezahlen oder zusätzliche Leistungen gewähren. Das ist nur begrenzt möglich, weil öffentliche Aufträge an den günstigsten Anbieter vergeben werden müssen.

Der Gewerkschafter kritisiert diese Regel. Sie begünstige kapitalkräftige Konzerne, die niedrige Angebote quersubventionieren können, zu Lasten von kleineren Unternehmen, was den Verdrängungswettbewerb fördere. Schütz fordert deshalb Vergabekriterien, die Qualitätsstandards und bessere Löhne sichern. Als weiteres Manko nennt Schütz eine schlecht organisierte Ausbildung. Früher absolvierten viele den Busführerschein bei der Bundeswehr. Die dreijährige Ausbildung als Berufskraftfahrer scheint vielen Betrieben zu teuer, ein privater Ganztagskurs über sechs Wochen kostet mehr als 10 000 Euro. Weil Qualifikationen aus anderen EU-Ländern anerkannt werden, sitzen viele Migranten am Steuer. Aber das Reservoir in Osteuropa ist nach Einschätzung von Verdi erschöpft.

Obwohl die Nachfrage das Angebot an Arbeitskräften übersteigt, steigen die Löhne nicht. Ein Problem sei die geringe gewerkschaftliche Organisierung, vor allem unter Migranten. Bei der MVG in München seien 70 Prozent der Kollegen organisiert, in Bayern insgesamt aber nur zehn Prozent, erzählt Schütz. Dafür sei die Fluktuation hoch. Migranten, die anfangs bei Freunden und Verwandten auf dem Sofa nächtigen, merken schnell, dass der Lohn nicht reicht, wenn sie sich ein Zimmer oder gar eine Wohnung mieten wollen. "Die wechseln dann in die Fabrik", sagt Schütz. Manche arbeiten länger, um dazu zu verdienen. Außerdem würden Rentner auf Basis von Minijobs manchen Bus steuern.

Die Lokalausgaben der Süddeutschen Zeitung suchen gemeinsam mit dem MVV im Oktober den Busfahrer oder die Busfahrerin des Jahres. Ihre Favoriten können Fahrgäste auch per E-Mail vorschlagen: busfahrer-aktion@mvv-muenchen.de