SZ-Serie: Arbeiten in Corona-Zeiten, Folge 46:Verlust des sozialen Miteinanders

SZ-Serie: Arbeiten in Corona-Zeiten, Folge 46: Als Dekanatskantorin ist Kirsten Ruhwandl für die Kirchenmusik und die Ausbildung im Landkreis zuständig.

Als Dekanatskantorin ist Kirsten Ruhwandl für die Kirchenmusik und die Ausbildung im Landkreis zuständig.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Kirchenmusikerin Kirsten Ruhwandl vermisst vor allem den Kontakt zu ihren Chören

Von Florian J. Haamann, Fürstenfeldbruck

Kirchenmusik, das ist für Kirsten Ruhwandl nicht nur die Gestaltung von Gottesdiensten und Konzerten. Vielmehr geht es der evangelischen Dekanatskantorin um das soziale Zusammensein, die Arbeit mit den vielen Laien, die sich in die Gemeinde einbringen wollen. Mit Ausbruch der Corona-Krise ist diese Verbindung zusammengebrochen. "Normalerweise arbeite ich jeden Abend mit einer anderen Gruppe", sagt die 54-Jährige, die an der Erlöserkirche den Kinderchor, den Motettenchor, den Posaunenchor, den Gospelchor "Sing and Pray" und das Streichorchester leitet und die Gottesdienste musikalisch gestaltet. "Es ist ganz merkwürdig, wenn das gesamte Arbeitsumfeld zusammenfällt und sich verändert. Ich musste mich also fragen, wie halte ich das Soziale trotzdem aufrecht."

Für jede Gruppe habe sie sich Gedanken gemacht. Der Gospelchor hat von ihr eingespielte Klaviermelodien zugeschickt bekommen, zu denen jedes Mitglied wiederum eine Gesangsspur aufgenommen hat. Die hat Ruhwandl, die seit 28 Jahren hauptamtliche Kirchenmusikerin in Fürstenfeldbruck ist, dann zu einem Gesamtwerk zusammengebaut. Andere Gruppen hätten vor allem ältere Mitglieder, da sei so etwas schwerer. "Da habe ich dann wenigstens einen Brief geschrieben, um sie auf dem Laufenden zu halten." Gar keinen Kontakt habe sie aktuell zum Kinderchor. "Das ist schwierig. Die Kinder sind alle jünger, haben oft keinen eigenen PC, Zoom Meetings können wir also nicht machen. Das klappt ja schon beim Home-Schooling oft nicht richtig, das kriege ich bei meinen eigenen Kindern mit." . Ein wenig Sorgen machen sie sich schon, ob, wenn irgendwann wieder Normalität einkehrt, noch alle Kinder dabei sind und sie hofft, dass es danach nicht quasi wieder von vorne losgehen muss. "Es wird sich zeigen, ob der persönliche Abstand zu groß geworden ist. Der einzige Vorteil ist, dass ja auch sonst nirgends gesungen werden darf."

Frust herrsche vor allem bei den Bläserensembles. Einige Mitglieder verstünden nicht, warum man nicht zumindest im Freien proben könne. Aber die Kirche habe da eine klare Linie vorgegeben und auch das vorerst verboten. "Man will nicht riskieren, dass dann wieder neue Einschränkungen kommen. Und so gehört zu meinen neuen Aufgaben auch die Frage, wie man mit dem aufkommenden Frust umgeht. Wobei ich bei den Frustrierten eher glaube, dass sie zurückkommen, weil sie ja spielen wollen und es ihnen wichtig ist. Mehr Sorgen mache ich mir um die Leute, die jetzt vielleicht merken, dass es auch ohne geht und es ihnen gar nicht so fehlt."

Seit Anfang Mai dürfen zumindest wieder Gottesdienste abgehalten werden, so kann Ruhwandl zumindest wieder an der Orgel sitzen. Die Situation sei allerdings gewöhnungsbedürftig, vieles von dem, was einen evangelischen Gottesdienst ausmache, fehle aktuell. "Bei uns ist vieles freiwilliger als in der katholischen Kirche. Umso wichtiger ist der Aspekt der Gemeinschaft. Aber die Gläubigen dürfen nicht laut beten, keine Lieder mitsingen, müssen Masken tragen und Abstand halten. Alles, was die Gemeinschaft ausmacht , ist also eingeschränkt." Dadurch merke man viel stärker, dass die Situation nicht normal sei, als wenn gar kein Gottesdienst sei. Chöre und Blasinstrumente dürfen Ruhwandl aktuell auch nicht unterstützen. "Es ist komisch, wenn man Orgel spielt und keiner darf mitsingen. Man spielt halt etwas leiser, damit man nicht alle an die Wand spielt." Statt Gesangsbüchern werden Zettel ausgelegt, die nach dem Gottesdienst vernichtet werden. So könnten die Besucher wenigstens mitlesen oder leise für sich mit summen.

Da die Kirche täglich von neun bis 17 Uhr für Andacht und stilles Gebet geöffnet ist, hat Ruhwandl Musik zusammengestellt, die im Hintergrund läuft, um wenigstens eine gewisse Atmosphäre zu schaffen. "Ich habe Musik ausgesucht, die mir passend erscheint. In der Karwoche war das klassische Passionsmusik, aktuell läuft viel Taize-Musik, eher meditative Stücke." Da die Erlöserkirche auf dem Weg von der S-Bahn in die Innenstadt liegt, würden einige Menschen auf dem Rückweg von der Arbeit kurz dort einkehren, zum Gebet, um eine Kerze anzuzünden oder um einfach ein paar Minuten dort zu sitzen.

Die gottesdienstfreie Zeit hat Ruhwandel dafür genutzt, die Arbeit zu machen, zu der sie sonst nicht kommt: Stücke umschreiben, Noten aufschreiben. Dazu gekommen ist, dass sie Stücke für die Videoandachten eingespielt hat. "Am Anfang ist es eine gute Abwechslung gewesen, die Dinge zu tun, die man schon länger machen wollte. Aber je länger man das machen muss, desto mehr möchte man auch wieder in die Normalität einsteigen."

Zurückkehren möchte die 54-Jährige nun auch wieder zum Orgelunterricht, der ebenfalls zu ihren Aufgaben gehört. Sie orientiere sich da an den Musikschulen, die den Einzelunterricht ja auch wieder aufgenommen haben. Vier bis zehn Stunden gebe sie normalweise pro Woche, die Spanne reicht von regelmäßigem Unterricht für Schüler bis hin zu vierteljährlichen Terminen mit Senioren, die ab und an neuen Input suchen. "Aber das mit dem Unterricht ist nun natürlich auch komplizierter. Nach jedem Schüler müssen der Platz und die Orgel gereinigt werden". Das sei nicht nur aufwendig, sondern auch nicht unbedingt gut für das Instrument. Trotzdem soll es nun wieder losgehen. Damit für die Musikerin die Normalität Stück für Stück zurück kommen kann.

© SZ vom 12.06.2020
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