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SZ-Serie 70 Jahre Kriegsende im Landkreis:Der Fliegerhorst im Bombenhagel

Vor 70 Jahren: Luftangriff auf den Flugplatz Fürstenfeldbruck

Das kurz nach dem Bombenangriff aufgenommene Luftbild der US Airforce zeigt die Landebahn (oben) sowie, dass die benachbarten Hallen zerstört sind.

(Foto: USAF/oh)

Am 9. April 1945 wird die Reichkriegsschule bei Fürstenfeldbruck massiv angegriffen - von 139 "Fliegenden Festungen". Denn die Nazis wollten von hier aus ihre Geheimwaffe, den Messerschmitt-Düsenjäger, starten lassen

Von Peter Bierl

Dichte Rauchschwaden hingen am 9. April 1945 über dem Fliegerhorst von Fürstenfeldbruck. 139 schwere amerikanische Bomber vom Typ B 17, genannt "Fliegende Festungen", hatten am Nachmittag die Startbahn bombardiert, dazu Rollwege, Hallen und technische Einrichtungen getroffen. Zwei polnische Zwangsarbeiter wurden dabei getötet. In Maisach gingen einige Fensterscheiben zu Bruch, in Gernlinden wurden einige Häuser direkt getroffen, ein Mensch starb und mehrere wurden verletzt. Es war der erste und einzige direkte Angriff auf den Flugplatz, der eine der vier Luftkriegsschulen der Wehrmacht beherbergte.

Auf dem Gelände hielten sich zum Zeitpunkt des Angriffs nur wenige Soldaten auf. Die Luftkriegsschule hatte ihren Betrieb Ende März eingestellt. Etwa 500 Offiziersanwärter waren nach Graz zur Neuaufstellung einer Fallschirmjäger-Division abkommandiert worden. Allerdings befand sich auf dem Fliegerhorst noch ziviles Personal. "Kurz vor dem Angriff fuhren deutsche Arbeiter mit ihren Fahrrädern weg", erzählt Edelgard Storner. Weit kamen sie nicht. Tiefflieger stießen vom Himmel herab. Die Arbeiter warfen die Räder hin und suchten Deckung hinter einer Böschung, die damals ein freies Feld zur Straße hin begrenzte. Gegenüber wohnte Storner mit ihrer Familie in einem der Häuser der Fliegerhorstsiedlung. Ihr Vater war Techniker und Offizier und leitete die kleine Werft auf dem Flugplatz.

Storner war damals zehn Jahre alt. Sie erinnert sich nicht mehr an viele Details, aber daran, dass die deutsche Flak schoss und wohl ein amerikanisches Flugzeug traf: "Brennende Trümmer fielen herunter, Fallschirme schwebten herab." Hinterher fanden sie im Garten hinter den Häusern ein paar Brandbomben, die nicht explodiert waren. Furcht verspürte sie nicht. "Für uns Kinder war das wie Kino, die Gefahr war uns nicht bewusst", sagt die Frau, die heute 79 Jahre alt ist. "Meine Mutter und die Großmutter haben keine Angst gezeigt, um uns nicht zu verschrecken." In einem der Häuser war ein Luftschutzkeller eingerichtet, dicke Baumstämme waren zwischen Boden und Decke eingespreizt, um den Bau zu verstärken. "Wenn wir da unten saßen, dann hat das Hausmädchen immer geweint und gezittert. Wir Kinder fanden das witzig."

Zumal kaum einer mehr an einen richtigen Angriff glaubte. Die Bomber flogen meist über Fürstenfeldbruck hinweg weiter nach München. Wenn nachts Alarm geschlagen wurde, hat ihre Mutter sie und ihre Schwester irgendwann gar nicht mehr geweckt, weil sie ja am nächsten Tag zur Schule musste. An diesem 9. April jedoch hatten die schweren amerikanischen Bomber den Brucker Fliegerhorst im Visier, weil sich die Lage geändert hatte.

Der Fliegerhorst war 1937 in Betrieb gegangen. Hier wurden Männer ausgebildet, die Tod und Verwüstung über Guernica, Rotterdam, Warschau, London und viele andere Städte und Dörfer in Europa brachten. Die Alliierten wussten, dass der Flugplatz zur Ausbildung diente. Die wiederum war mangels Sprit immer mehr eingeschränkt und schließlich eingestellt worden. Vielleicht hielten die Alliierten die Rollbahn sogar für eine Attrappe, denn bei ihren nächtlichen Angriffen im Raum München war die Anlage immer beleuchtet, um deutschen Jägern die Möglichkeit zur Landung zu geben.

Jedenfalls war der Fliegerhorst kein vorrangiges Ziel, bis die deutsche Luftwaffenführung zum Kriegsende beschloss, die Rollbahn für den Einsatz von Jagdflugzeugen auszubauen. Das dürfte der alliierten Aufklärung, die den Platz regelmäßig überflog, kaum entgangen sein. Ihnen war klar, dass dieser Ausbau nicht Schulungszwecken diente, sondern für einen regulären Betrieb mit Kampfflugzeugen gedacht war, etwa dem hochmodernen Jagdflugzeug ME-262 von Messerschmitt, einer von Hitlers "Wunderwaffen". Darum plante die amerikanische Luftwaffe vier Wochen vor Kriegsende einen gezielten Schlag.

Das Ereignis ist von Zeitzeugen unmittelbar danach aufgeschrieben worden, wobei die Angaben variieren. Hans Schamberger, Besitzer des Kramerladens in der Hauptstraße von Maisach, notierte in seiner Familienchronik einen Großangriff in acht Wellen, der kaum zwanzig Minuten gedauert habe. "Man muss von einem Glück sprechen, denn Maisach kam dabei sehr gut weg bis auf einige Fensterscheiben. In Gernlinden wurden einige Häuser ganz zerstört und mehrere Häuser beschädigt. Bei Nothelfer in Gernlinden fiel eine Bombe cirka fünf Meter vor das Haus. Diese zerstörte aber Gott sei Dank nur ein Stück vom Zaun und mehrere Fensterscheiben. Bei dem Angriff gab es wie durch ein Wunder nur eine Tote und mehrere Verwundete."

Der Maisacher Pfarrer Joseph Geoffroy notierte fünf Angriffswellen, die sich über mehr als eine Stunde hinzogen. Dabei seien die meisten Flughallen und das Rollfeld zerstört worden. Der Estinger Benefiziat Alois Bendert wollte zwei Wellen mit je 200 Bombern gezählt haben. In einer späteren Darstellung ist von 333 Kampfflugzeugen die Rede, die das Rollfeld mit 867 Tonnen Bomben belegt haben sollen.

Die unterschiedlichen Angaben sind vermutlich darauf zurückzuführen, dass es sich um eine größere Luftflotte von insgesamt 333 Bombern handelte, die Fürstenfeldbruck, den Flugplatz in Oberpfaffenhofen sowie Rüstungsfabriken im Wolfratshausener Forst angriffen. Die Bomberflotte wurde durch insgesamt 146 Jagdflugzeuge vom Typ P-61 mit dem Spitznamen "Schwarze Witwe" geschützt. So heißt es jedenfalls in den Angaben des Hauptquartiers der US-Air Force, die Harald Jung 1994 in seiner Chronik des Fliegerhorstes zitiert. Auf den Brucker Fliegerhorst warfen demnach 139 viermotorige Flying Fortresses insgesamt mehr als 330 Tonnen Bomben ab.

Außer den Opfern in Gernlinden kamen bei dem Angriff die beiden polnischen Zwangsarbeiter Stepanida Epifanowa, 72, und der Bauer Zbik Wawrziniec, 68, ums Leben. Dem Sterbebuch im Brucker Stadtarchiv ist zu entnehmen, dass beide verbrannt sind. Wie viele weitere Zwangsarbeiter auf dem Fliegerhorst lebten, ist unklar, weil bislang kaum Quellen gefunden oder recherchiert wurden. In einem Brief berichtete der Zweite Bürgermeister Michael Neumeier (SPD) 1946 von einem Lager, das seit September 1944 existiert habe und in dem etwa 120 Zwangsarbeiter, einschließlich Frauen und Kindern, lebten.

Unter dem 7. April 1945 sind im Brucker Sterbebuch außerdem drei italienische Piloten verzeichnet: Celeste Mazzolini, 26 Jahre alt, Mario Bisenolo, 27 Jahre alt, und Luciano Bomben, 19 Jahre alt. "Bei einem Terror-Angriff der Nordamerikaner auf den Flugplatz Fürstenfeldbruck getötet", steht dazu jeweils im typischen Jargon der NS-Propaganda vermerkt. Dass es zwei Tage vorher bereits einen kleineren Angriff gegeben haben könnte, wird durch die Maisacher Pfarrchronik gestützt, in der Geoffroy mehrere kleinere Alarme und Bombenabwürfe notiert hat. In seinem Bericht an das Erzbischöfliche Ordinariat einige Monate später verwechselte der Pfarrer dann schon die Monate April und März und berichtete von zwei Angriffen auf den Fliegerhorst, die er irrtümlich auf den 7. und 9. März datierte, womit der 7. und der 9. April gemeint waren.

Am Tag nach dem großen Angriff am 9. April fotografierten amerikanische Aufklärer den Flugplatz aus etwa 8000 Meter Höhe. Die Bilder zeigen, dass sie ihr Ziel erreicht hatten. Sie wollten den Flugbetrieb unmöglich machen, aber den Fliegerhorst bald selbst nutzen. Das Rollfeld und die Hallen waren zerstört. An den Unterkünften und den übrigen Einrichtungen im südlichen Teil des Fliegerhorstes entstand nur geringer Schaden.

Am 29. April erreichte die amerikanische Armee Fürstenfeldbruck. Sechs Tage später begannen die Amerikaner mit der Instandsetzung. Bis dahin hatte der Fliegerhorst allerdings noch durch diverse Plünderungen gelitten.

© SZ vom 09.04.2015
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