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Straffällige Jugendliche:Pandemie bremst Sozialarbeit

Sprint-Leiterin Karen Adomeit stellt fest, dass mehr Jugendliche als sonst unter psychischen Problemen leiden.

(Foto: Günther Reger)

Der Verein Sprint unterstützt straffällig gewordene Menschen. Doch in Corona-Zeiten ist der Kontakt nicht leicht zu halten

Von Ariane Lindenbach, Fürstenfeldbruck

15 Jahre alt ist Daniel, als er 2019 Polizeibeamten auffällt. Da hat er etwa 1,5 Promille Alkohol im Blut. Er beschimpft und bedroht die Beamten und widersetzt sich sowohl der Kontrolle als auch der anschließenden Festnahme. Daniel landet vor Gericht und schließlich beim Brucker Verein Sprint. Denn er wird nicht nur dazu verurteilt, 56 Stunden gemeinnützige Arbeit zu leisten und für einen bestimmten Zeitraum keinen Alkohol zu trinken, sondern auch zu einer Betreuungsweisung von sechs Monaten. Letzteres kann man sich ein bisschen wie einen Bewährungshelfer für Heranwachsende vorstellen, mit dem Unterschied, dass der Fokus auf der pädagogischen Begleitung und persönlichen Entwicklung des jungen Delinquenten liegt und nicht nur auf dem Einhalten von gerichtlichen Auflagen und Gesetzen. Die Sozialpädagoginnen von Sprint bieten diese Betreuungsweisungen an; sie waren mit dem Sozialen Trainingskurs eines der ersten Betätigungsfelder des 1996 gegründeten Vereins.

Ein Vierteljahrhundert später hat Sprint auch diverse Angebote für Erwachsene, beispielsweise einen Täter-Opfer-Ausgleich, eine außergerichtliche Einigung zweier Konfliktparteien mittels professioneller Moderation oder für Alleinerziehende das Projekt Brucker Familienstart, das jetzt in "Anker" umgetauft wird.

Besondere Herausforderungen brachte das vergangene Jahr mit sich. "Die Covid-19 Pandemie stellte den normalen Arbeitsalltag auf den Kopf", heißt es im Jahresbericht von Sprint. Denn die Arbeit besteht zu einem großen Teil aus Gesprächen mit anderen Menschen. Doch dank "dem starken Team und der immer konstruktiven Zusammenarbeit mit unseren Kooperationspartnern konnte die Unterstützung und Versorgung unserer Kunden und Klienten durchgehend sichergestellt werden". Vieles wurde aufs Telefon verlegt oder in Videokonferenzen geregelt, bei persönlichen Kontakten selbstverständlich streng auf die Einhaltung der Hygieneregeln geachtet.

Pandemiebedingt mussten das Öko-Wochenende sowie das Repair-Café fast komplett gestrichen werden. Letzteres ist seit März geschlossen; man hofft noch auf eine Wiedereröffnung im April. Das Öko-Wochenende, eine pädagogisch sinnvolle Alternative zu einem Wochenende im Gefängnis, konnte ebenfalls nur einmal Anfang März mit fünf Jugendlichen abgehalten werden. Die verbliebenen 16 stehen nun auf einer Warteliste, und man hofft darauf, in diesem Jahr wieder öfter einen Arbeitseinsatz mit den jungen Männern organisieren zu können.

Die zunehmenden psychischen Probleme unter jungen Menschen - eine schon länger bestehende Entwicklung, die im vergangenen Jahr weiter zugenommen hat - kommen im Sprint-Jahresbericht ebenfalls zur Sprache. Des Weiteren sind die Sozialpädagoginnen häufig mit Arbeitslosigkeit, Gewalt, Drogen, Obdachlosigkeit konfrontiert. Ganz allgemein stellen sie fest, dass die Problemlagen junger Menschen immer vielschichtiger werden. Für die im Verein Beschäftigten bedeutet das einen deutlich höheren Arbeitsaufwand. Die Betreuung von straffällig gewordenen Jugendlichen werde zeitaufwendiger und intensiver, resümiert der Bericht. Allerdings sei das eine Entwicklung, die schon vor Corona an Fahrt aufgenommen hatte.

Aber zurück zu Daniel, der zunächst regelmäßig für sechs Monate seine Ansprechpartnerin aufsuchen muss. Er erscheint pünktlich, ist aber sehr verschlossen. Zum Zeitpunkt der Betreuungsweisung besucht er die Schule nur sporadisch. Die meiste Zeit trifft er sich stattdessen mit Freunden, trinkt Alkohol und konsumiert gelegentlich Drogen. In der Familie, insbesondere mit dem Vater, gibt es seit Jahren Konflikte. Daniel verstößt gegen das Alkoholverbot, muss in die Psychiatrie und für eine Woche in Ungehorsamsarrest. Kurz vor Ablauf der Betreuungsweisung kann ihn seine Betreuerin überzeugen, die Betreuung um ein halbes Jahr zu verlängern. In den folgenden Monaten verändert er sich deutlich zum Positiven: Er wird zugänglicher und nimmt die Kritik der Betreuerin an. "Dadurch konnten viele Themenbesprochen und Probleme aufgearbeitet werden", heißt es im Bericht. Daniel reduziert seinen Alkoholkonsum, hält Kontakt zur Suchtambulanz der Caritas, klärt den Konflikt mit seinem Vater und besucht seit September wieder eine Schule, damit er ein besseres Abschlusszeugnis erhält. Laut Sprint-Bericht mit großem Erfolg: "Obwohl ihm die Onlinebeschulung schwerfällt, ist er sich sicher, dass er die Schule schaffen wird. Er ist mittlerweile auch zum Klassensprecher gewählt worden. Daniel sagt, dass er aktuell kaum Alkohol trinke."

© SZ vom 20.04.2021
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