Schöngeising Evas hässliche Kinder

Mit der bäuerlichen Welt im Märchen beschäftigt sich das Jexhofmuseum in einer neuen Sonderausstellung. Darin geht es nicht bloß um Ackern, Spinnen und Weben, sondern um das Ideal einer patriarchalen Gesellschaft

Von Peter Bierl, Schöngeising

Einen Einblick in die agrarisch-vorindustrielle Welt, die in den Märchen überliefert ist, präsentiert das Jexhofmuseum in einer neuen Sonderausstellung. Unter dem Titel "Stroh zu Gold" finden sich fast ausschließlich Stücke der Brüder Grimm, dazu die Geschichte vom Goggolori, einem guten Geist aus dem Windachtal. Die Auswahl ist nicht unproblematisch, denn Jakob und Wilhelm Grimm spiegelten nicht einfach bloß die Verhältnisse ihrer Zeit wider, sondern verbreiteten auch ein biedermeierliches Ideal.

In der Ausstellung finden sich bekannte Stücke wie Hänsel und Gretel, dazu hat das Jexhof-Team jeweils passende Tätigkeiten und Lebenslagen herausgearbeitet. Die Kinder werden im Wald ausgesetzt, weil der Vater ein armer Holzhauer ist. Diese Männer verrichteten mit einfachen Werkzeugen Schwerstarbeit, trugen ein hohes, oft tödliches Unfallrisiko und mussten dennoch im Winter oft hungern. Beim Rumpelstilzchen geht es um das Weben, bei der Gänsemagd um das Viehhüten.

Die Ausstellung ist gewohnt professionell gemacht, übersichtlich gegliedert und informativ und von Ruth Strähhuber ansprechend gestaltet. Im Zentrum der Ausstellung in der Tenne finden sich 50 meterhohe Stelen aus Karton - sie sollen einen Wald symbolisieren - durch die hindurch die Besucher zu einer Leseecke gelangen.

Jede Station der Ausstellung besteht aus dem Text des Märchens, dazu Werkzeugen oder Geschirr, Gemälden, Karikaturen oder Fotos, manchmal einer kleinen Installation sowie einer Erklärung. Zur Geschichte von der Magd, die eine gekrönte Natter im Stall füttert, worauf die Kühe mehr Milch geben, finden sich alte Tabellen und Illustrationen, die dem Bauern zeigen sollten, welche Tiere die höchste Leistung erbringen, dazu Butterfässer und Butterformen sowie Werbung für einen "Galaktometer", der den potenziellen Anteil von Sahne und Butter anzeigte.

Auch die Grimms merkten durchaus, dass sich die Welt veränderte. Das zeigt die Geschichte vom Bauern, der den Teufel überlistet. Das Märchen verweise auf den Übergang von der mittelalterlichen Dreifelderwirtschaft zum modernen Fruchtwechsel, heißt es dazu in der Erklärung. Die beiden Volkskundler gerieten als Befürworter der nationalen Einheit zwar mit Landesfürsten aneinander, strickten zu diesem Zweck aber an einer sehr deutschen Ideologie mit vormodernen Zügen. Viele ihrer Märchen sind pädagogisch nicht wertvoll, sondern vermitteln das Ideal einer feudalen Ständegesellschaft, in der Bauern und Frauen zu dienen und gehorchen haben.

Erkennbar sind die stockkonservativen Motive in der Ausstellung bei König Drosselbart: Die unbotmäßige Tochter muss erst einmal zur Strafe unter ihrem Stand heiraten und sogar arbeiten. Im Märchen von den ungleichen Kindern Evas verfügt Gott, die hässlichen Kinder, die Bauern, hätten ihren schönen Geschwistern, König und Adel, zu dienen. Verantwortlich dafür ist Eva, jenes Weib, das schon die Vertreibung aus dem Paradies verschuldet hat.

Wunderbarerweise haben die Ausstellungsmacher gegenüber eine Karikatur aus der Zeit der französischen Revolution aufgehängt. Sie zeigt einen schwer gebeugten Bauern, der einen Adligen und einen Kleriker auf seinen Schultern schleppen muss. Die Grimmschen Märchen und diese Karikatur symbolisieren zutiefst unterschiedliche historische Entwicklungen: in Frankreich Aufklärung, Revolution und Widerspruchsgeist, dagegen Obrigkeitshörigkeit, Duckmäusertum und Reaktion in Deutschland. Hätte das Jexhof-Team auch eine jener Geschichten der Grimms ausgewählt, in denen Juden antisemitisch karikiert werden, wäre der Zusammenhang zwischen vermeintlich erfolgreicher Geschichte, romantischer Identitätsstiftung und Gaulands "Vogelschiss" deutlich geworden.

"Stroh zu Gold". Märchen und die ländliche Lebenswelt, Ausstellung im Bauernhofmuseum Jexhof vom 7. Dezember bis 10. Februar