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Schau:Wilde Gestalten aus der Schattenwelt

Johann Buchfelner von der Sparkasse und der Amperperchten-Vorsitzende Johannes Trnka bringen sich in Position. In der Sparkasse können Besucher noch bis zum 9. November die handgefertigten Masken bewundern, welche von einem Schnitzer aus Berchtesgaden stammen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Die Amperperchten zeigen in einer Ausstellung ihre schaurigen Kostüme und kündigen an, ein größeres Augenmerk auf Brucker Traditionen zu richten. Dafür bietet sich das Gedenken an die heilige Luzia besonders an. Denn die Lichtgestalt hat auch eine dunkle Seite

Wutverzerrte gehörnte Fratzen mit gebleckten Zähnen und rotlodernden Augen warten dieser Tage auf all jene, die in der Filiale der Sparkasse in der Brucker Innenstadt ihre Bankgeschäfte erledigen wollen. Dort stellt der Verein Amperperchten noch bis zum 9. November seine traditionell gearbeiteten schaurigen Kostüme aus - drapiert in eine Szenerie, die trotz ihrer Statik bedrohlich wirkt. Was der Verein aufgebaut hat, soll den Bruckern den uralten Brauch der Perchtenläufe nahebringen. Obwohl dieser aus dem Alpenraum stammt, gibt es auch einen regionalen Anknüpfungspunkt.

Wer den Blick von den faltenzerfurchten hakennasigen Holzmasken und den zotteligen Gewändern löst, bemerkt inmitten der 13 Gestalten einen durch ein blaues Tuch angedeuteten Fluss, auf dem kleine Papphäuschen stehen. Ein Verweis auf das in Bruck traditionelle alljährliche Luzienhäuschen-Schwimmen. "Wir kennen das alle aus unserer Kindheit", sagt der stellvertretende Vorsitzende der Amperperchten, Michael Gickler. Jedes Jahr am 13. Dezember werden zum Gedenken an die heilige Luzia in Fürstenfeldbruck und Grafrath, von Kindern gebastelte Modellhäuschen auf die Amper gesetzt. Bei den Häuschen, die innen von einer Kerze beleuchtet den Fluss hinabtreiben, handelt es sich sozusagen um eine Opfergabe an die Heilige Luzia. Dieser haben es die Brucker einer Legende nach zu verdanken, dass die Stadt im Jahr 1785 von einem bedrohlichen Hochwasser verschont wurde.

"Die heilige Luzia wird mit der Frau Perchta eng in Verbindung gebracht", erklärt der Vorsitzende Johannes Trnka. Ähnlich der Luzia, die als Lichtgestalt beschrieben wird, wechselt auch die Perchta nach der Wintersonnenwende von einer hellen und schönen in eine furchterregende und wilde Gestalt. Gemeinsam schlossen sich die beiden der sogenannten "wilden Jagd" an. Gemeinsam mit den Perchten ziehen sie der Überlieferung nach während der Rauhnächte, den zwölf Nächten am Ende des Jahres, durchs Land. Für die Menschen damals symbolisierten diese eine Art Zwischenzeit, in der sie sich mit ihren Urängsten konfrontiert sahen. Wenn nachts die Windböen an den Fensterläden zerrten und unheimliche Geräusche in die Wohnzimmer drangen, haben sich das die Menschen mit dem wilden Treiben düsterer Sagengestalten erklärt - der Grundstein für das Brauchtum der Perchtenläufe.

Der Brucker Verein mit seinen 31 Mitgliedern will künftig die heilige Luzia, besonders ihre dunkle Seite, näher beleuchten. Außerdem will er in diesem Jahr auch eine neue Figur etablieren. In der Ausstellung steht sie bereits inmitten der Szenerie in dunkler Kutte auf einem Floß. "Der Flößer war damals nicht nur jemand, der Waren transportiert hat, sondern auch Geschichten und Neuigkeiten verbreitet hat", erklärt Gickler. Der Flößer soll künftig bei Auftritten der Gruppe einführend die Legende der Perchten erzählen und den Zuschauern damit einen Rahmen geben. Mit der neuen Figur will der Verein auch an eine Zeit erinnern, in der es in Bruck noch eine Flößerei gab. "Wir wollen verloren gegangene Traditionen und auch Sichtwinkel wiederaufgreifen und den Menschen näher bringen", sagt Trnka.

Damit hat der junge Verein bisher auch Erfolg, immerhin steigt sowohl die Zahl der Auftritte als auch der Mitglieder. Die Anfänge des Vereins liegen mittlerweile etwas mehr als fünf Jahre zurück. Die Idee zur Gründung hatte, wie der Vorsitzende erzählt, sein Vater. Jahrelang tauschte Klaus Trnka einmal jährlich Jeans und Hemd gegen einen roten Nikolausmantel. "Bei meinen Auftritten als Nikolaus habe ich festgestellt, dass die Figur des Heiligen an Bedeutung verloren hat", erklärte der Ideengeber bereits kurz nach der Gründung des Vereins. Dem schwindenden Interesse der Kinder für den rauschebärtigen Herren wollte Trnka etwas entgegensetzen. Ein richtiger Krampus sollte helfen, so Trnkas Idee. Er begann Literatur zu wälzen, sich mit dem alten Brauchtum zu beschäftigen und stieß dabei auf die mythologische Verwandtschaft des Krampus - die Perchten. Die Gestalten, die heute bei Perchtenläufen dargestellt, symbolisch den Winter oder böse Geister vertreiben sollen. Die Amperperchten beginnen damit in diesem Jahr bereits am 30. November im Schlosspark Greifenberg. Einen Tag später folgt der erste Auftritt im Landkreis auf dem Puchheimer Sterndlmarkt. Der Höhepunkt für den Verein: Nach dem Luzienschwimmen am 13. Dezember findet zum ersten Mal ein echter Brucker Perchtenlauf statt. "Darauf sind wir besonders stolz", sagt Gickler.

© SZ vom 26.10.2018

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