Rückblick Feuchte Pfingsten

Wo heute Graßlfing ist, war vorher Natur. Dort konnte sich die Amper noch gefahrlos ausbreiten. Doch die immer stärkere Versiegelung der Böden lässt ein Hochwasser wie das von 1999 zu einem großen Schadensereignis werden.

(Foto: Günther Reger)

Die Ereignisse im Mai 1999 zeigen, welche Folgen ein hundertjährliches Hochwasser haben kann

Von Erich C. Setzwein, Fürstenfeldbruck

Es regnet ohne Unterlass, der Pegel der Amper in Fürstenfeldbruck steigt jede Stunde um drei Zentimeter, und Behörden, Städte und Gemeinden sind vorgewarnt. Doch was an Pfingsten 1999 auf den Landkreis zukommt, kann niemand genau vorhersehen, außer das Wasserwirtschaftsamt in Freising. Von dort kommt die Meldung, dass an den Feiertagen mit nassen Füßen gerechnet werden muss. Am Pfingstsonntag, steht das Wasser schon so hoch über die Ufer von Fluss und Bächen und über den Wiesen und Äckern, dass der Landkreis um vier Uhr früh den Katastrophenfall auslöst. Drei Tage lang herrscht Ausnahmezustand. Die Schäden werden erst später sichtbar sein, aber Menschen werden nicht verletzt. Das große Glück, das der Landkreis in der Katastrophe dennoch hat, hat einen Namen: Ammersee.

Im Bayerischen Landesamt für Wasserwirtschaft ist man vier Jahre nach dem Jahrhunderthochwasser den Ursachen für die Flutwelle der Amper und die Überschwemmungen vor allem entlang der Maisach nachgegangen und hat festgestellt, dass die enorme Welle, die sich in der Ammer bis Weilheim aufgebaut und die freien Flächen südlich des Ammersees überflutet hatte, im See zwischengespeichert wurde. Hätte es dieses Riesenreservoir nicht gegeben, hätte die Amper nicht 160 Kubikmeter Wasser pro Sekunde nach Norden transportiert, sondern mehr als 650 Kubikmeter.

So aber staut sich die Flutwelle ins Ampermoos hinein, das anderthalb Meter unter Wasser steht, breitet sich dort aus und erreicht Kottgeisering. Der Scheitel liegt in Fürstenfeldbruck mit 161 Kubikmetern pro Sekunde weit über dem Hochwasser von 1940 (140 Kubikmeter) und 1965 (148 Kubikmeter).

Hätte es nicht schon Wochen vorher so stark geregnet, wären die Böden nicht schon vollgesogen gewesen wie dicke Schwämme, das Gemisch aus Regenfällen und Schmelzwasser hätte möglicherweise weniger Schäden angerichtet. Doch "Wasser hat einen kleinen Kopf", heißt es, und die schiere Menge, die da über die Feiertage vor 20 Jahren sich auf den Landkreis verteilte, gelangt überall hin, zerstört unter anderem einen Teilbestand der Brucker Stadtbibliothek. Es werden mehr als 1000 Keller in Olching überschwemmt, und auch in den Feldern entlang der Maisach schwimmen Fische und paddeln Enten. Auch in Eichenau, das durch das Hangwasser am Schwarzen Graben und den Starzelbach gefährdet ist, kommt nicht ungeschoren davon. Zigtausende Sandsäcke werden gefüllt, mehr als 2000 Helfer von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Rettungsorganisationen waren zusammen mit Polizei und Freiwillen im Dauereinsatz. In Olching wird der Eichenauer Sepp Spiess zum Helden, als er sich von einem Hubschrauber am Seil zu einem Wehr fliegen und dort absetzen lässt, um es von verkeilten Baumstämmen und Treibgut zu befreien. Olching, sagt man dort hinterher, wäre sonst untergegangen.

Der Landkreis löst den Katastrophenalarm schon allein deshalb aus, damit die Feuerwehrleute von der Arbeit freigestellt werden können. Es bleibt dann aber nicht bei einem Tag. Denn aus der Riesenwelle vom Südufer des Ammersees ist eine lang gezogene Flutwelle geworden, die auch am Pfingstmontag alle in Atem hält. So kommt es, dass die Einsatzleitung, nachdem mehr als 50 000 Sandsäcke schon verbaut worden sind, weitere 40 000 leeren Sandsäcke von jenen Kommunen im Oberland anfordern muss, in denen das Hochwasser schon wieder zurückgegangen ist. Dämme werden damit errichtet und Barrieren vor Kellernfenstern. Vielfach saugen sich die Schutzwälle voll, aber zumindest filtert der Sand den Schmutz, bevor das Wasser in die Keller läuft.

Als nach drei Tagen der Katastrophenfall aufgehoben wird, als das Wasser sich zurückzieht, sind noch mehr Schäden zu sehen, als während der Pfingstfeiertage eh schon. Nachdem die Gutachter der Versicherungen ihre Schadensbilanzen gemacht haben, setzten die politischen Diskussionen ein. Hochwasserschutz ist plötzlich das ganz große Thema, doch mit der Zeit wird auch dem "HQ 100" immer weniger Aufmerksamkeit geschenkt.

Im Wasserwirtschaftsamt München aber bleibt es ein Thema. Es laufen Untersuchungen an, wie Kommunen an den Gewässern geschützt werden könnten. Der Leiter des Wasserwirtschaftsamtes, Christian Leeb, erinnert an die "Basisstudien", die für Grafrath und Olching entwickelt worden seien. Doch bis heute sind keine Dämme gebaut worden, es gibt keine Schutzwände, die schnell hochgezogen werden könnten, eigentlich sind die Amper-Gemeinden immer noch so ungeschützt wie vor 20 Jahren. Das hat laut Leeb seinen Grund darin, dass bereits grobe Kostenschätzungen gezeigt hätten, dass das Nutzen-Kosten-Verhältnis beim Schutz vor einem hundertjährlichen Hochewasser "ungünstig" wäre. Heißt: Tritt die Amper wieder über die Ufer, wird angenommen, dass die Höhe der Sachschäden nicht so hoch sein dürften wie die Kosten, die ein Hochwasserschutz verursacht hätte. Das Schadenspotenzial wird als zu gering eingeschätzt, als das man Maßnahmen ergreifen müsste.

Die auf Pfingsten 1999 folgenden Hochwasserereignisse, zum Beispiel am Starzelbach in Eichenau, haben den Gemeinden aber gezeigt, dass sie mit einer verbesserten Ausstattung ihrer Feuerwehren kurzfristig reagieren und größere Schäden abwehren können. Nichts geändert hat sich daran, dass die Flüsse und Bäche weiterhin durch dicht bebaute Flächen führen und immer weniger Platz vorhanden ist, dass sich das Wasser schadlos ausbreiten kann.