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Puchheim:Warten auf das vierte Gleis

Der Stadtrat lehnt die Pläne für eine Fußgänger- und Fahrradunterführung als Flickwerk ab

Die Bahnlinie spaltet Puchheim in zwei Teile, die Unterführung für Fußgänger und Radler im Zentrum der Stadt ist das Nadelöhr. Umso wichtiger wäre ein zweiter Tunnel für alle Einwohner, die östlich davon leben, im Bereich am Mühstetter Graben und in der Planie, und lange Umwege machen müssen. Trotzdem hat der Stadtrat am Dienstag einstimmig die weitere Planung gestoppt, um ein Zeichen zu setzen für den viergleisigen Ausbau der Bahnlinie.

Schuld an der neuerlichen Verzögerung ist die bayerische Regierung, die den Ausbau seit Jahrzehnten bremst und auf drei Gleise eindampfen wollte, trotz wachsenden Bedarfs. Die Pläne für die zweite Unterführung im Bereich des Gröbenbachs, die Vertreter der DB Netz in der Sitzung präsentierten, sind jedoch genau auf drei Gleise ausgelegt. Würde die Unterführung am Gröbenbach so gebaut, müsste das dritte Gleis auf der Südseite verlegt werden, für eine Verlegung im Norden wäre kein Platz mehr. Die Planer präsentierten drei Varianten, favorisiert wird diejenige mit dem geringsten Aufwand, die etwa 2,6 Millionen Euro kosten soll.

Demnach würde die bestehende Überführung über den Gröbenbach bleiben, westlich davon entstünde der neue Tunnel für Fußgänger und Radler, und für das künftige dritte Gleis wäre ein zusätzliches Überführungsbauwerk notwendig. Zugänglich wäre die Unterführung über zwei Rampen. Bei einem späteren viergleisigen Ausbau müsste mindestens eine Rampe wieder weggerissen und verlegt sowie eine weitere Überführung ergänzt werden.

Lange Zeit hatte der Stadtrat beim barrierefreien Umbau des Bahnhofs und dieser neuen Unterführung den dreigleisigen Ausbau hingenommen. Inzwischen hat sich der Wind gedreht, die Regierung hat eine Machbarkeitsstudie für das vierte Gleis angekündigt, die bis zum Jahresende vorliegen soll. Das Ergebnis wollen die Stadträte erst einmal abwarten, statt weiter Geld für eine Planung auszugeben, die nur ein drittes Gleis vorsieht, und sich hinterher als völlig überholt herausstellen könnte. Die aktuellen Pläne wurden deshalb in der Sitzung als suboptimales Flickwerk verworfen. Auch eine Rolle bei der Entscheidung dürfte gespielt haben, dass der Stadt wegen der Coronakrise Steuerausfälle in zweistelliger Millionenhöhe bevorstehen.

Der Landtagsabgeordnete Martin Runge (Grüne) hat die Staatsregierung aufgerufen, die betroffenen Kommunen in die vorgesehenen Untersuchungen einzubeziehen. Runge hatte vor einer Woche eine Anfrage an das bayerische Verkehrsministerium zur Machbarkeitsstudie gerichtet. Aus der Antwort geht hervor, dass derzeit zwei Programme in Arbeit sind. Das eine umfasst 28 einzelne Maßnahmen in Oberbayern, die bei der Bahn in der konkreten Planung oder Umsetzung seien. Dazu gehören der barrierefreie Umbau des Puchheimer Bahnhofs sowie der neue Bahnsteig am Gleis eins in Bruck. Die Termine für die jeweilige Inbetriebnahme 2021 und 2022 sind längst obsolet. Das zweite Paket umfasste erst 26, dann 42 Maßnahmen, bei denen erst noch geprüft werden solle, ob sie das Angebot der Bahn verbessern und bautechnisch zu verwirklichen sind.

In dieser Liste findet sich ein zweiter Fußgängertunnel am Brucker Bahnhof sowie ein weiterer Bahnsteig auf der Südseite an einem vierten Gleis, eine neue Haltestelle in Emmering sowie ein Anschluss des ehemaligen Fliegerhorstes. Dazu kommt die Machbarkeitsstudie für ein viertes Gleis bis Bruck. Runge lobt diese Untersuchungen als sinnvoll und geboten, weist aber darauf hin, dass solche Studien schon viel früher und "wirklich ernsthaft" hätten angegangen werden müssen. Seiner Auffassung nach besteht die Gefahr, dass ohne einen Wechsel der Mehrheiten im Landtag diese Studien zur "Propaganda- und Alibiveranstaltung" verkommen. Wie die vielen früheren Gutachten und Studien etwa zum viergleisigen Ausbau der S 4, würden sie in den Reißwolf oder ins Archiv wandern.

© SZ vom 26.06.2020

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