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Puchheim:Viele Senioren sind arm

Sie haben Zahlen über Puchheim (von links): Verena Weyland, Mandy Frenkel (beide Stadt Puchheim) und Christoph Geigl von der Hochschule.

(Foto: Günther Reger)

Laut einer Studie der Hochschule München klagen Befragte über Einsamkeit, fehlende Beratung und mangelnde Barrierefreiheit. Bürgermeister Norbert Seidl möchte deshalb mehr Stadtteiltreffpunkte schaffen

Die Altersarmut in Puchheim ist deutlich höher als im übrigen Landkreis. Viele Ältere in der Stadt fühlen sich einsam und isoliert, vor allem jene, die erst spät nach Puchheim gezogen sind. Andere klagen über fehlende Informationen und Beratung, etliche rügen die eingeschränkte Bewegungsfreiheit, weil die Zugänge nicht überall barrierefrei sind. Das ist das Ergebnis einer Studie, die Christoph Geigl von der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften an der Hochschule München am Freitag dem Publikum im Sitzungssaal des Rathauses präsentierte. "Wir sind nicht in Grünwald, aber das Ergebnis überrascht mich doch ein bisschen", sagte Bürgermeister Norbert Seidl (SPD). Er möchte gezielt Treffpunkte in den einzelnen Stadtteilen schaffen - nach dem Modell des Mehrgenerationenhauses Zap -, um die Ärmeren anzusprechen. Eine Erkenntnis der Forschung ist nämlich, dass diese Gruppe sich zurückzieht.

Im Rahmen des Projekts "Gesunde Kommune Puchheim" haben die Forscher, die Lage der Senioren untersucht. Sie haben allgemeine Statistiken ausgewertet, Bürger interviewt und Fragebögen ausgewertet. Über 5100 Exemplare wurden im Mai an Bürger im Alter zwischen 65 und 98 Jahren ausgeteilt, mehr als 1680 kamen ausgefüllt zurück, was beachtlich ist, wie Geigl betonte. 95 Prozent der Teilnehmer sind deutsche Staatsangehörige, 51,6 Prozent wurden von Frauen ausgefüllt. Die AOK hat die Studie finanziert.

Die Lebensqualität wird von den Alten im Schnitt schlechter eingeschätzt als in der Gesamtbevölkerung, wobei Männer, die jungen Alten bis 79 sowie jene mit einem höheren sozioökonomischen Status, wie es Soziologen nennen, sich besser fühlen. 60 Prozent haben Schmerzen im Rücken, im Kreuz und in den Gelenken, 40 Prozent hören schlecht. Die Zahlen seien zu erwarten gewesen, kommentierte Geigl. Gerne unterschätzt werde der Anteil jener, die an Depressionen leiden (20 Prozent), Angstzustände haben (15 Prozent) oder eine innere Unruhe verspüren (35 Prozent). Die Dunkelziffer dürfte höher liegen, schätzt der Forscher.

Was das individuelle Risikoverhalten betrifft, so essen Männer weniger Obst und Gemüse, aber zu viel Fleisch. Mit dem Alkohol scheinen mehr Frauen (32 Prozent) als Männer (23 Prozent) Probleme zu haben. Die Unterschicht raucht mehr als die Mittelschicht und ernährt sich im Allgemeinen schlechter. Geigl machte deutlich, dass die Altersarmut in Puchheim (2,3 Prozent) größer ist als im Landkreis (1,7), aber geringer als im bayerischen Durchschnitt (2,7). Er bezog sich dabei auf die Zahl der Empfänger von Arbeitslosengeld II und Sozialhilfe aus dem Jahr 2017 in Puchheim. Auch in diesem Fall könnte die Dunkelziffer höher liegen. Zum einen beantragen nach einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW) knapp 62 Prozent der betroffenen Senioren keine Grundsicherung. "Wir leben alle in unserer Blase", kommentierte der Bürgermeister. Der Sozialforscher riet jedenfalls, zu berücksichtigen, dass unter den Senioren die Ärmeren, die Hochbetagten, die Frauen und die Migranten einen höheren Bedarf an Unterstützung haben.

Die Ergebnisse der Studie sollen in ein Gesamtkonzept einfließen, das gezielte Angebote für einzelne Gruppen umfassen soll, sagte Verena Weyland, im Rathaus für den Bereich Integration, Inklusion und Senioren zuständig. Im Frühjahr ist ein Workshop geplant, bei dem sich ein Arbeitskreis aus Vertretern einzelner Verbände und Gruppen sowie der Kommune bilden soll. Die Runde soll bis Juli 2020 Maßnahmen entwickeln, die ab Herbst 2020 umgesetzt werden sollen.

Die Resonanz des Publikums war eher kritisch. "Viele Angebote haben wir doch längst in Puchheim", merkte ein Mann an. Es sei vielleicht ein Kommunikations- oder Mobilitätsproblem. Eine Frau erinnerte daran, dass in der Stadt längst die Idee einer "Puchheimer Insel" nach Germeringer Vorbild existiere, wo alle sozialen Angebote gebündelt werden. "Aber es passiert nichts", rügte sie.