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Puchheim:Ja-Wort hinter der Maske

Trotz Maske und Abstand schneiden Anja und Ronny Nitsche ein Herz aus einem Laken

(Foto: Günther Reger)

Anja und Ronny Nitsche heiraten unter besonderen Umständen

Ja, der Kuss des Brautpaares hat auch unter Corona-Bedingungen im Standesamt stattgefunden. Der Standesbeamte Martin Lehner hat das genehmigt. "Wir durften die Masken dazu kurz absetzen", erzählt Braut Anja Nitsche' "dann mussten wir sie sofort wieder anlegen." Nach der Trauung kommen zuerst die Trauzeugen, die Eltern und ein Musikerfreund aus dem Puchheimer Rathaus - alle mit dunklem modischem Mundschutz. Nach einer kurzen Pause schreiten dann die soeben im Standesamt vermählten Anja und Ronny Nitsche, ebenfalls mit dunklem Mundschutz, nach draußen. Es gibt Beifall der vor dem Rathaus versammelten Gäste und Freunde des Hochzeitspaares. Piratenhochzeit? Nein, eine standesamtliche Hochzeit unter den Bedingungen des Coronavirus.

Draußen stehen etwa 20 Freunde und Arbeitskolleginnen von Anja Nitsche, die in Puchheim als Erzieherin arbeitet - alle im vorgeschriebenen Abstand. Die Sonne scheint, Sekt steht zum Anstoßen bereit und Geschenke werden dem Brautpaar übergeben. Die Stimmung ist sehr fröhlich und ausgelassen, als das Paar mit einer kleinen Nagelschere ein großes rotes Herz aus einem aufgehängten Tuch ausschneiden muss. "Das Herz müsst ihr bis zum ersten Hochzeitstag bei euch hängen lassen", ruft und empfiehlt eine Freundin des Paares unter den Gästen. Die anderen stimmen zu. Viele Blumen werden dem Brautpaar überreicht, dabei wird fotografiert und gefilmt. Noch mal wird mit Sekt zugeprostet und "Hoch sollen sie leben" angestimmt.

"Es war sehr warm unter der Maske", berichtet Anja Nitsche, 30, von der Zeremonie im Standesamt, bei der das Brautpaar, der Standesbeamte und die Gäste Mund- und Nasenschutzmasken getragen haben. Die hat etwa 20 Minuten gedauert. Als Standesbeamter hat Martin Lehner fungiert, der Leiter des Puchheimer Ordnungs- und Standesamtes. "Das war schon etwas seltsam", meint Lehner nach der Trauung. Er ist Brillenträger und bei seiner Rede ist es vorgekommen, dass seine Brille beschlug. Das hat auch für Heiterkeit bei allen Beteiligten gesorgt. "Ich muss am meisten reden", so Lehner, "das Brautpaar muss ja nur Ja sagen." Ihm ist daran gelegen gewesen, dass die Trauung auch unter den ungünstigen Bedingungen würdevoll abgelaufen ist. Mit seiner 20-jährigen Erfahrung ist ihm das gut gelungen. Also vorne der Standesbeamte davor das Brautpaar und dahinter die beiden Trauzeugen - alle mit Abstand zueinander und zusätzlich maskiert. Die weiteren fünf Familienangehörigen und Gäste, die zahlenmäßig genehmigt sind, reihen sich mit Abstand zueinander auf Stühlen an den Wänden auf. Ein zusätzlich bewegender Moment der Trauung ist dann der musikalische Auftritt von Philipp Figel, dem Freund der Trauzeugin und Schwester der Braut, Simone Herpich. Figel singt das Lied "Hallelujah" von Leonard Cohen und spielt Gitarre dazu. Er hat ohne Mundschutz, allerdings vor der offenen Tür des Trauzimmers, singen müssen.

Der Bräutigam Ronny Nitsche, 41, ist vor drei Jahren aus der Sächsischen Schweiz südlich Dresden nach Gröbenzell zugezogen, wo das Paar jetzt auch gemeinsam wohnt. Eine Samstagshochzeit ist in Gröbenzell nicht möglich gewesen, deshalb der Trauungsort Puchheim. Leider konnten Nitsches Sohn, der Bruder mit Ehefrau und die Oma in Corona-Zeiten nicht nach Puchheim anreisen. "Das ist sehr schade", bedauert der Bräutigam, der als Kunststoffformgeber arbeitet. Beruflich muss Nitsche bereits acht Stunden am Tag eine Schutzmaske als Gesundheitsschutz tragen. Jetzt auch noch im Standesamt. Doch der leichte Unmut bei ihm ist angesichts der heiteren Stimmung sofort wieder verflogen. "Verschieben wollten wir die Hochzeit nicht", sagt Nitsche, "man weiß ja nicht, wie es mit Corona weiter geht." Dem Brautpaar gefällt auch das leicht zu merkende Jahr 2020 sehr gut. Martin Lehner, der an diesem Samstag noch eine zweite Trauung begleitet hat, bestätigt, dass "jede Menge" Trauungen in Puchheim schon verschoben worden sind. Das Brautpaar ist nach weiteren vielen Fotos mit den engsten Gästen in seine Wohnung gefahren und lässt sich das Essen von einem Restaurant anliefern. Geplant ist im Herbst, wenn es dann möglich ist, im großen Kreis nachzufeiern.

© SZ vom 23.05.2020

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