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Puchheim:Interpretationsraum

Bridge Markland bei einer Faust-Inszenierung in Oberschleißheim, 2018

Sie spricht nicht selbst, sie bewegt nur die Lippen zu den Worten der Erzähler: Bridge Markland aus Berlin.

(Foto: Robert Haas)

Bridge Markland verpoppt in Puchheim Schillers Räuber

Von Rafaela Steinherr, Puchheim

Die Berliner Performerin Bridge Markland möchte am Freitag, 30. Oktober, poppige Stimmung im Puchheimer Kulturzentrum machen. Sie wird Schillers Drama "Die Räuber" in einer "Ein-Frau+Puppen-Voll-Playback-Show" aufführen. Markland tritt also als Solo gemeinsam mit Puppen verschiedenster Art auf - von der Barbie bis hin zu einem originalen Nussknacker aus der DDR. Dabei schlüpft sie regelmäßig in verschiedene Rollen, was Markland unter anderem mit dem Wechsel ihrer Kopfbedeckung - oder auch dem Zeigen ihrer Glatze -, aber besonders durch verschiedene Arten von Mimik und Gestik demonstriert. Selbst spricht sie bei der Show kein Wort. Stattdessen wird ein Soundtrack abgespielt, der minutiös auf ihre Performance abgestimmt ist. Er besteht einerseits aus gekürzten Textpassagen von Schillers Originalstück, die von diversen Schauspielern gesprochen werden. Die Handlung wird mit insgesamt 157 Song-Einspielungen, Film-Musiken und -Zitaten unterstrichen. Sie selbst bewegt zu den Texten lediglich ihren Mund.

"Die Aufnahme dieses Soundtracks erforderte eine monatelange Vorarbeit mit verschiedenen Kollegen und Freunden", erzählt die Performerin. Aufgenommen hat ihn ein ehemaliger DJ aus dem Club "Dschungel" in Westberlin, den Markland in den Achtzigerjahren kennengelernt hat. Die Auswahl der Musikeinlagen verschiedenster Richtungen und Zeiten soll durch ihre Vielfalt die Zuschauer jeder Altersgruppe ansprechen und das ursprünglich sehr textlastige Drama zugänglicher gestalten. Bekannte Lieder sollen dabei Erinnerungen und Gefühle bei den Besuchern wecken. So entstehe ein "frischer, moderner Blick auf das klassische Werk", erklärt Markland.

Gerade Schüler, die das Stück im Unterricht lesen, sollen so die Inhalte des Stücks auch leichter erfassen können. Diese Verbindung der aktuellen Songs mit einem Sturm und Drang Drama soll auch zeigen, dass die selben Themen aus der heutigen Popmusik schon für Schiller im 18. Jahrhundert eine Rolle spielten. So wird beispielsweise die Herrschsucht von Franz, der in dem Drama mithilfe diverser Intrigen nach dem Erbe seines älteren Bruders Karl sinnt, mit dem Song von Rammstein "Ich will jeden Herzschlag kontrollieren" unterstrichen. Karl lebt als Student in Leipzig, während Franz noch im väterlichen Schloss wohnt. Mit einem gefälschten Brief schwärzt Franz seinen Bruder bei deren Vater - dem Grafen von Moor - an, der von angeblichen Gräueltaten und Schulden des Sohnes in Leipzig berichtet. Daraufhin enterbt der Graf auf Zuspruch von Franz seinen erstgeborenen Sohn. Aus Frust gründet Karl deshalb eine Räuberbande. Peter Fox singt dazu: "Ich bin eine Abrissbirne für die d-d-d-deutsche Szene". Auch will Markland durch das Einspielen von "frechen" Lady-Gaga-Songs die ehemalige Geliebte von Karl namens Amalia, die Franz vergeblich für sich zu gewinnen versucht, als Sinnbild für "female empowerment" herausstellen.

Insgesamt stößt die Performerin aber auf ganz unterschiedliche Weise auf die Songs, die sie für ihre Shows verwendet. "Manchmal höre ich zufällig ein Lied im Radio und denke mir: das passt doch!", berichtet die Berlinerin. Häufig gebe sie aber auch einfach bestimmte Begriffe in die Internet-Suchleiste ein und schaue, was komme. Bei der Auswahl der Lieder ist es für Markland vor allem wichtig, dass der Text gut verständlich ist. Manchmal seien die Songs aber auch so bekannt, dass sich jeder über deren Aussage bewusst sei. Eine bestimmte Botschaft will Markland mit ihrer Show aber nicht überbringen. Ihr geht es lediglich darum, ein klassisches Stück dem Publikum neu und ansprechender zu vermitteln. Die Interpretation des Stoffes sei aber die Aufgabe des Publikums, erklärt die Performerin. "Die Räuber" von Schiller ist dabei nur ein Stück im Zuge eines ganzen Projekts mit dem Titel "classic in the box". So brachte die Berlinerin im selben Stil auch schon Faust oder Leonce und Lena auf die Bühne. Dabei benutzt Markland als Kulisse immer die selbe Box - mal dekoriert mit Frischhaltefolie, einem braunen Vorhang oder auch falsch herum gedreht. Trotzdem ist Schillers erstes Werk aus dem Jahre 1781 die Show mit den meisten eingespielten Songs. "Da haben wir uns im Team richtig die Kante gegeben mit Musik", erzählt sie. Ganz im Sinne von Sturm und Drang!

"Die Räuber", Bridge Markland, Freitag, 20. Oktober, um 20 Uhr, Puchheimer Kulturcentrum Béla Bartók-Saal, Dauer 90 Minuten plus eine Pause, Eintritt: 18,60 Euro/ ermäßigt 16,40 Euro/ Schüler/Student 9,80 Euro

© SZ vom 29.10.2020
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