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Puchheim:Gender-Kampf

Ex-Lehrerfunktionär Josef Kraus

(Foto: Stefan Rumpf)

Ehemaliger Lehrerfunktionär schimpft bei Puchheims CSU

Von Heike A. Batzer, Puchheim

An Beispielen lässt es Josef Kraus nicht mangeln. Er nennt Gästinnen und Steuerinnenzahler, die Bösewichtin und Dummköpfin, Planetin Erde und Spatzinnen oder Wählendenverzeichnisse, Redendenpulte, das Backendenhandwerk, Einwohnende oder Radfahrendenwege als Beispiele dafür, wohin konsequentes Gendern in der Sprache und die Abkehr vom bisher gültigen generischen Maskulinum führen können. Das Gendern ist umstritten und die Beispiele haben das Potenzial, die Entwicklung der Sprache durchaus mit Sorge zu betrachten. Kraus berichtet von Behörden, die in Anschreiben nicht mehr die Formulierung "Sehr geehrte Damen und Herren" verwendeten, sondern nur noch "Guten Tag". Oder von Hochschulen, die Abschlussarbeiten schlechter bewerten würden, falls sie nicht richtig gegendert seien. "Es ist verrückt, was hier stattfindet", ist sich Kraus sicher. "Gefahren der Gender-Ideologie" heißt sein Thema, über das er am Donnerstag in einer Online-Veranstaltung der CSU Puchheim spricht.

Kraus selbst hatte immer viel mit Sprache zu tun, war Gymnasiallehrer für Deutsch und Sport, später Schulleiter des Gymnasiums Vilsbiburg und drei Jahrzehnte lang Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Er war und ist wortgewaltig. Nicht erst seit seinem Ausscheiden aus dem Dienstbetrieb ist der 71-Jährige, ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Deutschen Sprachpreis, als Bildungskritiker unterwegs, bemängelt Bildungssystem und Bildungspolitik und überbeschützende Helikoptereltern.

Die Sprache erscheint noch als das kleinere Übel, nimmt man Kraus' weitere Worte zum Maßstab. Der Genderismus habe den Charakter einer säkularen Religion angenommen, sagt er weiter. Es ginge dabei um "ein anderes Menschen-, Gesellschafts- und Familienbild". Der Linken sei der Klassenkampf abhanden gekommen, jetzt versuche sie es mit dem Geschlechterkampf, behauptet Kraus, der seit 47 Jahren CSU-Mitglied ist, aber eine mögliche Abkehr in Aussicht stellt: "Ich weiß nicht, ob ich die 50 erreichen werde, wenn das so weiter geht".

Und weil er schon mal dabei ist, redet er mit immer größerem Furor. Es sei "eine akademische Blase, die sich selbstreferenziell fördert", entgegnet er auf die Frage, wem das Gendern denn nutze. Es sei "ein Stück des Great Reset, einer Gesellschaftsveränderung durch Dekonstruktion bisheriger Leitsätze" und ein "Diktat von organisierten, aktivistischen Minderheiten". Ums Gendern allein geht es schon nicht mehr in seinem Vortrag, jetzt nimmt er sich Politik ("Kanzlerin Merkels Politik spaltet die Gesellschaft bis hinein in Familien und Freundeskreise"), Medien (80 Prozent der deutschen Journalisten verorte ich bei Rot-Grün") und Bürger ("Der brave deutsche Michel lässt es über sich ergehen") vor.

"Machen Sie das in Ihrer Stadt nicht mit!", rät er der Puchheimer CSU. Stattdessen empfiehlt er, Bürgerbewegungen zu mobilisieren "gegen die, die den Genderquark transportieren". Kraus findet: Das Gendern "ist ein Virus geworden." Puchheims Ortsvorsitzender Martin Hammer pflichtet ihm bei: "Genau so ist es, Herr Kraus!"

Der Abend knüpft damit an jene an, mit denen die CSU Puchheim in den vergangenen Jahren immer wieder für Aufsehen gesorgt hatte. Beim Neujahrsempfang 2018 spielte der Wissenschaftsjournalist Edgar Ludwig Gärtner Radioaktivität als überbewertet und den Unkrautvernichter Glyphosat als harmlosen Stoff herunter. Ein Jahr später gab es Streit um die frühere DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, die in Puchheim die Bundeskanzlerin für eine Spaltung der Gesellschaft verantwortlich machte, so dass sich Landrat Thomas Karmasin (CSU) damals umgehend aufgerufen fühlte, Merkel zu verteidigen.

© SZ vom 17.04.2021
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