Puchheim Die Schattenseiten der Digitalisierung

Joy Holler, Referentin Simone Burger und Jean-Marie Leone in der Puchheimer Schule-Süd.

(Foto: Günther Reger)

Münchner DGB-Vorsitzende Simone Burger referiert über die Folgen

Von Peter Bierl, Puchheim

Wie infantil Wahlkämpfe geführt werden, zeigt sich, wenn Parteien mit dem Begriff Digitalisierung hausieren gehen. Es würde ja auch kein Politiker damit werben, dass er für die Schwerkraft ist. "Digitalisierung ist mehr als das Verlegen von Breitband. Es geht um grundsätzliche Fragen", stellte Simone Burger fest. Die DGB-Vorsitzende von München forderte bei ihrem Auftritt auf dem Neujahrsempfang der SPD in Puchheim eine gesellschaftliche Debatte über Regeln und rote Linien für die Digitalisierung. Unter den etwa 80 Gästen in der Aula der Schule Süd waren neben Sozialdemokraten auch Vertreter von CSU, Grünen und Parteifreien. Gut eineinhalb Stunden wurde über die Folgen der Digitalisierung gesprochen.

Die Vorteile seien offensichtlich, der Produktivitätsfortschritt enorm, sagte Burger. Wer hätte etwas dagegen, dass die Arbeit leichter oder weniger wird, dass es in modernen Werkhallen ganz leise ist. Selbst die Gewerkschaftsarbeit profitiert. "Die Gewerkschaftsjugend macht keinen Streik ohne Whatsapp", berichtete die 38-Jährige. Aus der Perspektive von Lohnabhängigen lautet die entscheidende Frage, wie die Entwicklung gestaltet wird. "Wer bekommt den Gewinn? Wer ist Verlierer?", fragte Burger.

Dass keine Jobs übrig bleiben, fürchten die Gewerkschaften nicht. Verschiedene Studien liefern freilich widersprüchliche Prognosen. "Das ist Kaffeesatzlesen." Die Entwicklung ist, je nach Branche und Berufsgruppe, unterschiedlich. "Im Moment geraten Anwälte unter Druck, weil nichts standardisierter ist als Jura, es wird bald keine Archive oder Poststellen mehr in den Betrieben geben, aber der Straßenfeger wird nicht abgeschafft, weil die Kosten noch zu hoch sind", berichtete Burger.

Dem Gutdünken der Unternehmer überlassen, bringe Digitalisierung für viele Beschäftigte mehr Stress, mehr Arbeit und mehr Überwachung. Schon ein simples Computerprogramm wie Word ermögliche eine umfassende Kontrolle, sagte die Referentin: Wer hat wie lange für einen Auftrag gebraucht, eine kleine Pause eingelegt, wie oft pro Minute in die Tastatur gehackt? Manche Unternehmen veranstalten Rankings - wer war der beste, wer der schlechteste Mitarbeiter des Monats. Umfragen in Betrieben hätten ergeben, dass 56 Prozent der Beschäftigten über eine stärkere Arbeitsbelastung klagen, über die Hälfte haben Angst vor Überwachung. Die "Entgrenzung" müsse gestoppt werden - Beschäftigte arbeiten länger und müssen in ihrer Freizeit verfügbar sein. "Über eine Million Überstunden werden hierzulande nicht bezahlt", so Burger. Für eine 30-Stunden-Woche kann sie sich aber nicht begeistern. "Unsere Linie ist, Arbeit umzuverteilen." Der DGB müsse die unterschiedlichen Interessen von Vollbeschäftigten, freiwilligen und unfreiwilligen Teilzeitkräften unter einen Hut bringen. Ein weiteres Problem ist die wachsende Zahl der Selbständigen, oftmals Scheinselbständige oder moderne Tagelöhner. Viele verdienten weniger als acht Euro die Stunde. "Die Digitalisierung ermöglicht es, Arbeit in kleinste Einheiten aufzuspalten und als Aufträge zu vergeben." Von der Agenda 2010 der früheren rot-grünen Regierung sei sie wenig begeistert, bekannte Burger, die selbst für die SPD im Münchner Stadtrat sitzt.

SPD-Fraktionsvorsitzender Jean-Marie Leone, der die Diskussion mit Joy Holler vom Ortsvorstand moderierte, empfahl seiner Partei denn auch, sich auf ihre Wurzeln zu besinnen.