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Puchheim:Debatte nach Stoppuhr

Zwei Frauen, vier Männer: Sechs Kandidaten bewerben sich in Puchheim für das Amt des Rathauschefs.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

In Puchheim stellen sich die Bürgermeisterkandidaten einer Podiumsdiskussion

Von Karl-Wilhelm Götte, Puchheim

Zwei Frauen und vier Männer bewerben sich als Puchheimer Bürgermeisterkandidaten bei den Wahlen am 15. März um das oberste Amt im Rathaus. Etwa 250 Besucher füllten das katholische Pfarrheim Sankt Josef am Grünen Markt bis auf den letzten Platz. Sie erlebten eine spritzige Debatte, auch dank der zweiminütigen Redezeit, die Moderator Erich Hage vorgab. Das Glockensignal unterband den einen oder anderen ausschweifenden Redefluss. Richtig kontrovers waren die Themen Wohnen, Ortsentwicklung, Stadtmitte, Verkehr oder Klima- und Umweltschutz nicht; Unterschiede gab es meistens nur in Nuancen. Bürgerbeteiligung wollen alle, auch den barrierefreien Zugang über die Außenbahnsteige zum S-Bahnhof.

Die Vorstellungsrunde der Kandidatinnen und Kandidaten war nötig, weil nur Norbert Seidl (SPD) und Manfred Sengl (Die Grünen) 2012 schon für das Amt kandidierten. Gudrun Horn (Freie Wähler), Jürgen Hunold (ubp) und Martin Koch (FDP), der Puchheim "zum Vorreiter für digitale Verwaltung" machen will, sind ohne Stadtratsmandat und Newcomer in der Puchheimer Kommunalpolitik. Die CSU-Kandidatin Karin Kamleitner, 55, sitzt seit 2014 im Stadtrat. Seidl, 56, begann dann auch seinen ersten Redebeitrag mit dem Klassiker von Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Sie kennen mich." Der amtierende Bürgermeister weiß, dass die Stadt Puchheim gut dasteht. Die Finanzen stimmen, die Stadt hat 144 Wohnungen im Bestand und die eigene Wohnungsbaugesellschaft hat kürzlich in Puchheim-Ort vier Modulhäuser mit 14 Wohnungen für Obdachlose und arme Menschen eingeweiht. Seidl bekam dann auch schon beim Eingangsstatement den meisten Applaus des Publikums.

Obwohl am Alois-Habeck-Platz nach dem Umbau wohl bezahlbarer Wohnraum entstehen wird, ist das auch in Puchheim ein größeres Problem, zumal mit einem Bevölkerungswachstum von etwa 2000 auf 22 000 Einwohner bis zum Jahr 2030 zur rechnen ist. Wohnungsbau an der Alpenstraße oder an der Augsburger Straße in Puchheim-Ort, wo die katholische Kirche ein Grundstück besitzt, soll behutsam erfolgen und es sollen "keine Hochhäuser" entstehen, so die Forderung von Kamleitner. Grünen-Kandidat Sengl, 58, plädierte ebenfalls für "eine langsame Entwicklung" der Alpenstraße und Jürgen Hunold, 50, Inhaber eines Ingenieurbüros, würde gerne ein Mehrgenerationenhaus bauen lassen. Der ubp-Kandidat, der einst für die Grünen für den Stadtrat kandidierte, bezeichnete sich von der politischen Orientierung her als "tiefgrün und tiefrot", weil Hunold für "Umwelt, Soziales und Klimaschutz" steht. FDP-Kandidat Martin Koch, 49, sprach sich beim bezahlbaren Wohnen für die Einbeziehung von Wohnungsbaugenossenschaften aus und will das Stadtmitte-Konzept um die Lochhauser Straße erweitern. Die promovierte Biologin Gudrun Horn, 47, befürwortete ebenfalls ein Mehrgenerationenhaus in Puchheim-Ort und vermehrt Betreutes Wohnen für Senioren. Einig waren sich alle, dass die Nachverdichtung neuen Wohnraum bringen soll.

Für die Einführung einer Baumschutzverordnung sprach sich nur Sengl eindeutig aus. Einig war man sich bei der Notwendigkeit des viergleisigen Ausbaus der S4. Unterschiede gab es beim Thema Verkehr, bei dem sich auch die Besucher einschalteten. Seidl und Sengl bekräftigten ihre bekannte Position, das Auto hinten anzustellen und den Ausbau des ÖPNV mit der S 4 voranzutreiben. Zudem sollten Fuß- und Radverkehr Priorität haben. Auch Hunold stimmte hier zu. Kamleitner, die keine Verteufelung des Autos wollte, musste Kritik eines Zuhörers ertragen, der in Sachen fehlender S4-Ausbau der CSU-Staatsregierung und CSU-Mandatsträgern im Landkreis die Schuld daran gab. Auch Koch und Freie Wähler-Kandidatin Horn, die wie andere auch für den Radschnellweg nach München plädierte, wollten ebenfalls das Auto gleichberechtigt gelten lassen. "Warum muss ich einen Umweg zur A99 fahren?", wollte ein Besucher wissen und machte damit das Thema FFB11 wieder auf. "Neue Straßen ziehen neuen Verkehr an", widersprach Sengl unter dem Beifall der Mehrheit heftig.

Amtsinhaber Seidl ("ich baue keine neuen Straßen"), darf sicherlich mit Bekanntheits- und Amtsbonus rechnen. Bei sechs Kandidaten scheint eine Stichwahl wahrscheinlich zu sein. Seidl verblüffte das Publikum zum Abschluss noch mit einer Vision: "In fünf bis zehn Jahren wird ein autonom fahrender Bus durch die Unterführung am S-Bahnhof fahren."

© SZ vom 17.01.2020
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