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Puchheim:Aus für die Asylsozialberatung

PUCHHEIM:  Holzhütte auf dem Gelände der Asylunterkunft SIEMENSTRASSE

Die Holzhütte auf dem Gelände der Asylunterkunft in der Simensstraße wurde extra für die Beratungsstelle errichtet.

(Foto: Leonhard Simon)

Die Diakonie will ihr Angebot in Puchheim zum Jahresende einstellen. Grund sei ein Defizit von 30 Prozent, auf dem der Freistaat den Träger sitzen lasse

Von Peter Bierl, Puchheim

Die Diakonie zieht sich zum Jahresende komplett aus der Asyl- und Integrationsberatung in Puchheim zurück. Grund dafür ist ein Defizit von 30 Prozent, das der evangelische Hilfsdienst nicht länger schultern könne, sagt Sonja Schlünder, die Bereichsleiterin Beratung und Bildung bei der Diakonie in Fürstenfeldbruck. Die Caritas wird kaum einspringen, weil sie vor dem gleichen Finanzproblem steht. Beide Träger fürchten, dass der Freistaat seinen Beitrag noch weiter kürzt. "Es ist eine Salamitaktik", rügt Schlünder.

In Puchheim bot die Diakonie seit August 2015 eine Beratung an, anfangs in den Schulturnhallen von Gymnasium und Realschule, in der Geflüchtete provisorisch untergebracht waren, später in der Unterkunft in der Siemensstraße im Gewerbegebiet Nord. Erst waren zwei Teilzeitkräfte insgesamt 45 Stunden pro Woche im Einsatz. Zwei Jahre später wurde das Angebot vor Ort bereits drastisch zusammengestrichen auf 4,5 Stunden alle zwei Wochen. Seit März fiel die direkte Beratung in der Unterkunft wegen der Corona-Pandemie komplett aus. Derzeit leben mehr als 160 Menschen aus 20 Nationen in dem Komplex, vor allem aus Nigeria, Afghanistan und Pakistan, darunter 56 Kinder.

Um das Angebot vor Ort in Zeiten der Pandemie aufrechtzuerhalten, sprang in Puchheim die Stadt ein und ließ auf eigene Kosten eine Holzhütte auf dem Parkplatz hinter der Unterkunft aufstellen. Es dauerte jedoch Monate, bis die Kommune alle Genehmigungen für die Hütte eingesammelt hatte. Am 1. September konnte das Bauwerk errichtet werden, zehn Tage später wurde der Spuckschutz aus Plexiglas installiert, anschließend das Gebäude noch einmal gereinigt.

Nachdem endlich alles in besten Zustand gebracht war, teilte die Diakonie der Stadt per Email am 30. September ihren Rückzug aus der Beratung zum Jahresende mit. Die Diakonie trage von Anfang an ein Defizit von 30 Prozent, erzählt Schlünder. Bislang habe man diese finanzielle Lücke durch Spenden oder aus Eigenmitteln gedeckt, aber nun habe sich das Aufsichtsgremium der Diakonie anders entschieden. Zumal die Träger fürchten, dass sich die Bedingungen im nächsten Jahr noch einmal verschlechtern werden, die in der Beratungs- und Integrationsrichtlinie festgeschrieben sind. Derzeit werde darüber neu verhandelt, zu erwarten seien deutliche Einschnitte in der Refinanzierung, warnt Schlünder. Außerdem würden neue Richtlinien des Freistaates den bürokratische Aufwand erhöhen, der sowieso nicht vergütet wird, vermutet sie.

Insgesamt hat der Freistaat dem Landkreis für die Asylsozial- und Integrationsberatung 13,2 Stellen gewährt, sagt Dieter Pimiskern, der Fachdienstleiter der Brucker Caritas. Allerdings seien diese Mitarbeiter auch für die Bewohner des Ankerzentrums am ehemaligen Fliegerhorst zuständig. Tatsächlich blieben für die Asylbewerber, für die der Landkreis zuständig ist, etwa 4,8 Stellen übrig. Ob diese Stellenzahl erhalten bleibt oder schrumpft, sei offen.

Ob die Caritas in die Bresche springt, ist deshalb doppelt ungewiss. Bleibt es bei den 13,2 Stellen könnte die Caritas theoretisch neues Personal einstellen, sagt Pimiskern. Sie müsste allerdings damit das Defizit übernehmen, das die Diakonie bis jetzt schultert. "Unsere grundsätzliche Bereitschaft ist da, aber diese Arbeit müsste zu 100 Prozent finanziert werden", betont er.

Sowohl Caritas und Diakonie als auch die Stadt Puchheim halten die Beratung für enorm wichtig. "Der Bedarf ist nicht weniger, aber komplexer geworden", sagt Pimiskern. Im Gebäude der Caritas in Bruck arbeiten die Experten von Caritas und Diakonie im Zentrum für Asyl und Migration (ZAM) bislang zusammen. Dorthin konnten sich Geflüchtete in Zeiten der Pandemie weiterhin wenden.

Der Schwerpunkt der Beratung habe sich gegenüber den ersten Jahren verschoben, erzählt Pimiskern. Aktuell ginge es vor allem um Integrationsberatung, also Unterstützung bei der Arbeits- und Wohnungssuche, bei der Anerkennung von ausländischen Schul-, Universitäts- oder Ausbildungsabschlüssen oder die Verlängerung von Ausweisen.

© SZ vom 07.11.2020
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