Olching Rektoren zögern bei Fairtrade

Olchings Kommunalpolitiker möchten den gerechten Handel stärken. Für dieses Anliegen haben sie neben der Stadtverwaltung auch die Kirchen, Geschäftsleute und Wirte gewonnen - nur Schulen fehlen noch

Von Henning Vetter, Olching

Die Olchinger Kommunalpolitiker wünschen sich von der Stadt eine Vorbildfunktion beim Einkaufen. Kaffee, Tee, Schokolade: Diese Produkte sollen aus gerechtem Handel stammen. Deshalb haben die Stadtpolitiker nach längeren Diskussionen beschlossen, Olching solle sich um die Zertifizierung als Fairtrade-Stadt bewerben. Das Ziel hat die Verwaltung fast erreicht. Von den fünf erforderlichen Kriterien sind bereits vier erfüllt. Nur in der Bevölkerung fehlt es noch an Beteiligung.

SPD-Stadtrat Alfred Münch hält eine Werbeanzeige aus der Zeitung in die Höhe. Es werden T-Shirts angeboten, zu umgerechnet 2,14 Euro pro Stück. "Da steckt der Transport, die Bezahlung der Verkäufer im Laden und die Mehrwertsteuer drin. Was soll da noch übrig bleiben für die Erzeuger?", fragt Münch in die Runde. Am Dienstagabend hat er zu einem Vortrag mit dem Titel eingeladen: "Olching nachhaltig fair: Warum Fairtrade-Stadt?" Der Bogen wird weit gespannt bis hin zu den globalen Flüchtlingsbewegungen, denn "unser Wohlstand basiert auf der Armut der anderen und ist durch die Ferne zu ihnen begünstigt". Den Fairtrade-Gedanken sehe er vor allem vor diesem Hintergrund, erklärt der 69-Jährige. Sein Ziel ist es, diese großpolitische Thematik auf die lokale Ebene, eben nach Olching, zu bringen. Denn durch einen gerechteren Handel könne man die Produktionsbedingungen im Herstellerland so verbessern, dass die Menschen dort eine Perspektive bekommen. Deshalb bewerbe sich die Stadt um das Zertifikat, das von Fairtrade Deutschland vergeben wird, sagt er.

Werbung für Fairtrade: Im Frühjahr informierte die Stadt Olching über das Siegel im Kom.

(Foto: Günther Reger)

Um das Ziel zu erreichen, müssen fünf Kriterien erfüllt sein. Diese beziehen sich auf die Bereiche Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Medien. Die Politik hat vorgelegt und den obligatorischen Ratsbeschluss einstimmig verabschiedet, nachdem sich noch im vergangenen Jahr die CSU quer gestellt hatte. Auch eine Steuerungsgruppe wurde eingerichtet und damit das zweite Kriterium erfüllt. Mit der Beteiligung von fünf Geschäften aus dem Einzelhandel und drei Gastronomen konnte man die wirtschaftlichen Bedingungen erfüllen. Auch die mediale Aufmerksamkeit, die mindestens vier Beiträge zu Fairtrade im Ort erfordert, wurde bereits übertroffen. Am vierten Kriterium, der Zivilgesellschaft, aber hakt es. Zwei Vereine und die beiden Kirchen machen mit, doch bislang hat sich noch keine Schule bereit erklärt, mitzuziehen. Das Thema gerechter Handel muss in den Lehrbetrieb aufgenommen werden und ein entsprechendes Produktangebot an den Schulen vorhanden sein. Man habe die Schulvertreter eingeladen, erschienen sei aber niemand, sagt Münch enttäuscht. Dennoch ist der Sprecher der Steuerungsgruppe zuversichtlich, die Schulen noch in diesem Jahr zum Mitmacher gewinnen zu können. Immerhin sei das Interesse bei Schülern, Eltern und Lehrern vorhanden, einige Lehrer sitzen sogar in der Steuerungsgruppe.

Neben der Erfüllung der Kriterien ist es den Verantwortlichen wichtig, das Thema fairer Handel in der "Stadtgesellschaft" zu verankern, beteuert Münch. Zu seinem Vortrag sind an diesem Abend lediglich zehn Zuhörer gekommen, von denen sich der Großteil bereits engagiert oder zur gastgebenden Volkshochschule gehört. Das fehlende Interesse führt der Referent auf "Vorurteile gegenüber Fairtrade, fehlendes Wissen und nur punktuelle Information" zurück. Der gleichen Meinung ist auch Peter Wehrle, der für die Agenda 21 in der Steuerungsgruppe sitzt. "Es ist Kenntnis vorhanden, aber es geht nicht in die Tiefe." Man müsse die Menschen und Geschäfte am Ort im persönlichen Gespräch gewinnen. Anders gehe es nicht. "Ich habe gelernt, dass solche Prozesse Zeit benötigen", erklärt Wehrle.

Germering sucht noch Gastronomen

Seit Dezember 2013 läuft das Bewerbungsverfahren der Stadt Germering, "Fairtrade-Stadt" zu werden. Eine Steuerungsgruppe versucht seitdem, die vorgegebenen Kriterien zu erfüllen. Die Bewerbungsunterlagen hatte die Stadt im August bei "Transfair" eingereicht. Dieser Verein vergibt das Siegel "Fairtrade-Stadt". Jetzt muss Germering nachbessern, um die Auszeichnung zu bekommen. Hat sich doch herausgestellt, dass der Beschluss des Stadtrats nicht ausreichend gewesen ist. Bestandteil der geforderten Kriterien war die Zusage, dass bei Sitzungen des Stadtrats und seiner Gremien Kaffee sowie ein weiteres Produkt aus fairem Handel ausgeschenkt wird. Da der Germeringer Stadtrat bei keiner Sitzung den Anwesenden eine Bewirtung angedeihen lässt, "muss diese Anforderung anderweitig kompensiert werden", heißt es in dem Text von Thomas Wieser, zuständig für Umweltbelange in der Stadtverwaltung. Der verabschiedete Beschluss heißt jetzt: "Bei städtischen Veranstaltungen werden mindestens zwei Fairtrade-Produkte aus fairem Handel angeboten, sofern eine Bewirtung erfolgt." Dann erweiterte der Stadtrat einstimmig noch die Anforderungen: "Auch in Präsentkörben, beim Blumenschmuck etc. werden fair gehandelte Produkte entsprechend berücksichtigt." Zur Bewirtung würden zudem auch Tee, Zucker, Schokolade, Kekse, Wein, Orangensaft und Kakao zur Verfügung gestellt. Auch hier will man künftig fair einkaufen. Zusätzlich zum korrigierten Stadtratsbeschluss muss die Steuerungsgruppe noch eine weitere Lücke schließen. Denn bisher fehlen in Germering gastronomische Betriebe, die Produkte aus fairem Handel anbieten. Bis November sollen sämtliche Anforderungen erfüllt sein. kwg

Tatsächlich ließ man sich in diesem Jahr einige Aktionen einfallen, um das Bewusstsein der Einwohnerschaft zu sensibilisieren. Zum Neujahrsempfang gab es einen Informationsstand, später eine zweimonatige Ausstellung, eine Informationsveranstaltung und einen weiteren Stand am Marktsonntag im Mai. Dabei wurde auch ein Namenswettbewerb für das Maskottchen der Initiative ausgerufen. Zudem verweist Münch auf den Internetauftritt der Stadt, der Informationen bietet. Für die FFB-Schau ist ein weiterer Stand geplant, teilt Stadtsprecherin Julia Henderichs mit und sagt zu: "Wenn wir zertifiziert sind, wird es eine Feier geben. Außerdem möchten wir im Frühjahr oder Frühsommer ein Fairtrade-Frühstück veranstalten, bei dem wir Bürger einladen, damit sie sehen, was es alles so gibt."

Dass Fairtrade häufig kritisiert wird, ist den Verantwortlichen bekannt. Im Jahr 2014 erregte ein Bericht der University of London Aufsehen. Untersuchungen in Äthiopien und Uganda hätten ergeben, dass das Fairtrade-Siegel keine positiven Auswirkungen auf Lohn oder Arbeitsbedingungen der Arbeiter in den Bereichen Kaffee und Blumen habe, hieß es. Auch die Vielzahl der Siegel und die damit einhergehende Intransparenz für Verbraucher wird häufig kritisiert. "Das ist uns bekannt. Aber es ist besser, etwas ist 70 Prozent Fairtrade als gar nicht. Irgendwo muss man anfangen", antwortet Münch. Bei der Zertifizierung vertraut er auf die in Bonn ansässige Dachorganisation Fairtrade Labelling (FLO). Das gilt auch für den fair gehandelten Kaffee, der im Rathaus getrunken wird. "Wir können uns nicht um die Überprüfung der Einhaltung der Standards kümmern", erklärt Henderichs auf die Frage, ob man zurückverfolge, wo der Kaffee herkommt.

Einen materiellen Nutzen für Olching gibt es durch die Zertifizierung zur Fairtrade-Stadt nicht. Es ist eine politische Entscheidung, sind sich Münch, Henderichs und Wehrle einig. Ihnen geht es um das Bewusstsein der Menschen für gerechten Handel. Und das steigt. Nachdem Fürstenfeldbruck, Puchheim und Gröbenzell bereits den Titel Fairtrade-Stadt erworben haben, strebt nun neben Olching auch Germering das Zertifikat an.